Gesellschaft - Gurus - Glaube

Finstere Zeiten – Teil 2

Im Dunkeln leuchtet auch ein kleines Licht sehr hell. Oder um den Refrain von «The Dark» (Der Techno-Remix von Tiefundton ist der Hammer) zu zitieren:

Don’t be afraid of the dark, be careful with stars
not every light is gonna guide you baby, don’t let em rain on your spark
keep it close to your heart
all of the pressure is gonna drive you crazy
close your eyes to the madness, in the morning it’s all gonna wanish

Finstere Zeiten sind die Zeiten der falschen Gurus und ihrer Gemeinden… Communities… Sekten. Dies kann man sowohl auf die gesamte Gesellschaft bezogen betrachten – man denke an das finstere Mittelalter – als auch wenn man sich gerade in einer persönlichen Krise befindet, einen Schicksalsschlag erlitten hat oder was auch immer… eben finstere Zeiten durchlebt… dann kommen sie, die Schlangengiftverkäufer… die Gurus… die nur dein Bestes wollen – nämlich dein Geld. Und du kannst sie alle in denselben Topf schmeissen, die Sekten, Freikirchen und die «Coaches», die mit ihren Academies und Communities in einem Schneeballsystem Heilung und Glückseeligkeit versprechen… sie wollen alle nur dein Bestes. Und wir leben leider… nein, glücklicherweise… in einer Zeit, in der viele Menschen nach Sinn suchen und deshalb in einer persönlichen Krise stecken. Das ist an sich gut, denn das Bestehende muss in Frage gestellt (und zerstört) werden, damit eine neue Welt entstehen kann. Das Problem dabei ist, dass es Menschen und Organisationen gibt, die daraus Profit schlagen wollen.

Es gibt da eine kleine Weisheit, die sich jeder merken sollte: Ein wirklich erleuchteter Mensch wird niemals sagen «folge mir»… sondern er wird sagen «stell mich in Frage, glaube mir kein Wort!»

Doch die übelsten Gurus aller Zeiten… Propheten und Prediger… waren die, die wollten, dass die Menschen ihnen folgen… Communities… im christlichen Kontext «Gemeinden» sind das übelste, verwerflichste und kränkste Konstrukt, das jemals durch Menschen erschaffen wurde. Immer, wenn jemand von einer Community oder von einer Gemeinde spricht, die in irgendeiner Form «Freiheit» oder «Wohlstand»… «Erleuchtung» und «Wachstum»… «Unabhängigkeit» oder sowas verspricht, sollten beim halbwegs wachen Menschen sämtliche Alarmglocken ertönen.

Wieso schreibe ich das hier überhaupt? Ich habe auch gerade etwas finstere Zeiten hinter mir. Könnte man so sagen. Wobei, eben… nein, sie waren nicht im eigentlichen Sinne finster, aber auch nicht leicht… es ist halt einfach ein Teil des Prozesses, er ist nicht linear, sondern es geht rauf und runter… gibt Widerstand… und da haben sich zwei «Begegnungen» ergeben, die sich, je nach Bewusstheitsgrad völlig unterschiedlich hätten entwickeln können…

Erstens; die Person, die mich in eine grossartige Community bringen kann…

Die Begegnung hatte sich bereits vor über zwei Wochen auf Instagram ergeben; eine Frau, die mich angeschrieben hat und mehr über mich erfahren wollte. Wir «folgten» einander auf Insta bereits eine Weile. Warum weiss ich gar nicht mehr genau, irgendwie wurde mir ihr Profil wohl vorgeschlagen und ich fand es interessant… Wir tauschten uns aus… und sie erzählte mir von einer Community, in die sie mich einladen möchte… Wachstum… finanzielle Perspektiven… aus dem System das uns einengt ausbrechen… klang toll… ich bin durchaus interessiert daran, mich mit Menschen zu vernetzen, die ein höheres Bewusstsein erlangen (wollen)… doch etwas machte mich stutzig… nämlich, dass ich scheinbar sie brauche um in diese Community zu gelangen… und dass sie ständig darauf hinweisen musste, dass sie «nichts braucht» und «nichts sucht»… dabei wissen wir doch genau, immer wenn jemand etwas ganz besonders betonen muss, ist es eben genau nicht so… und einfach insgesamt war das Gefühl seltsam… der Verstand sagte ja, das Gefühl sagte nein. Eigentlich ist in solchen Situationen der Fall klar, das Gefühl hat IMMER recht. Doch ich schob das Gefühl auf meinen aktuellen Zustand, bedingt durch die bereits seit mehreren Wochen bestehenden Schlafprobleme infolge des THC-Entzugs… und da ich sowieso keinen Kopf hatte für irgendwas ausser Schlafen, essen und irgendwie meine Arbeitstage zu überstehen, liess ich das Ganze einfach mal im Raum stehen. Doch diese Woche sah ich eine Insta-Story von ihr… darin waren einige Menschen markiert und der Text war irgendwas wie «wer sich nicht strecken will, bleibt halt liegen» oder so irgendwie… und weiter unten «stirb leise, Chantal…»

WOW! Da steckt ganz viel Frust und Kampf drin… ich beschloss, ihr mal eine Sprachnachricht zu senden. Ich sagte ihr, dass ich mir die Community gerne mal anschauen will und wir uns doch mal persönlich austauschen sollten. Sie kennt meinen Blog… hat jedenfalls behauptet, sie hätte einige Beiträge gelesen. Wenn sie wirklich an einem persönlichen Austausch interessiert ist, wird sie auch das hier lesen und sofort wissen, dass ich sie meine – ich bin gespannt.

Die Community, ich habe sie auf ihrem Instagram-Profil entdeckt, ist ganz sicher ein totaler Bullshit, das ist schon am Namen zu erkennen… «Liberator Academy» …ich habe mir dann mal diese Insta-Seite und die Webseite sowie verschiedene Videos dazu angesehen… dahinter steckt ein gewisser Markus Streinz. Ein ziemlich unsympathisches Milchbubi das ziemlich arrogant wirkend mit spirituellen Weisheiten um sich wirft… Weisheiten, die an sich sogar absolut korrekt sind… doch wer sich die Videos (insbesondere von seinen Sessions und Events) anschaut und nur über ganz wenig gesunden Menschenverstand und minimale psychologische Kenntnisse verfügt, erkennt darin augenblicklich die Manipulation. Und hey, sie sind verdammt geschickt und sind brutal gut in der Kunst der Manipulation. Wer nicht in seiner Kraft ist, kann da ganz rasch drauf reinfallen. Und schlussendlich steckt eine Art Network-Marketing dahinter, zwar sehr gut getarnt und nicht direkt als solches zu erkennen, doch man findet klare Hinweise auf kostenpflichtige Programme, Events und Mitgliedschaften sowie Social-Media-Posts, die Aktivität/Leaderboard-Status feiern. Das sind typische Elemente von Affiliate-/Referral-Systemen oder von Community-Incentives, die MLM-ähnliche Dynamiken (Rekrutierung, Druck, Ranglisten) begünstigen — ohne dass es formal ein klassisches Produkt-MLM sein muss. Diese Systeme zielen leider immer auf geschwächte Menschen, Menschen, die in einer Krise stecken… auf Menschen, die Sinn suchen… ich googelte danach diesen Markus Streinz mal und… lachte mich schlapp… Es werden ihm und seiner Community effektiv sektenähnliche Strukturen vorgeworfen, die “Bundesstelle für Sektenfragen” befasst sich mit ihm und die österreichische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn.

Man findet dann so Rechtfertigungs-Videos auf Youtube… einfach genau die Scheisse die man bei allen MLM (ähnlichen)-Firmen, die so langsam auffliegen, erkennen kann. Sie stilisieren sich als Opfer der Mainstream-Medien, die das Establishment vertreten und nicht wollen, dass die Menschen «aufwachen» und so weiter… Ich habe einige der Videos komplett angeschaut, es ist echt krass was die da treiben… und so werden die Opfer bei der Stange gehalten und die Zitrone weiter ausgepresst.

Und… eben… er mag inhaltlich mit seiner “Lehre” sogar richtig liegen dieser Markus Streinz, doch dafür braucht kein Mensch eine Community und schon gar keine MLM-Strukturen… ausser eben, die Menschen, die noch immer das Glück im Geld suchen und glauben, hier mit guten Taten das grosse Geld zu machen. Es gibt so viel Literatur zu spirituellen Themen (welche weder verboten wird oder sonst mit Warnhinweisen versehen wird – dieses Fass können wir also direkt wieder zumachen)… die genau das erklären, was er erzählt… schau dir die Videos aus der Reihe “Lebensseminar” von Kurt Tepperwein an. DAS ist spirituelle Weisheit, ohne Traritrara und ohne dieses Guru-Gehabe… und ohne Community… Wenn etwas wirklich gut ist, wird kein MLM benötigt, Fertig!

…der Frau, die mich kontaktiert hat, werfe ich keinerlei schlechte Absichten vor. Sie sieht in dem was sie tut etwas gutes und versucht damit Geld zu verdienen. Das ist absolut legitim, doch der Weg ist einer, den ich niemals gehen würde und leider einer, den nur Menschen gehen, die in einem Mangelbewusstsein sind.

Zweitens; Mein Nachbar, der freundliche Missionar von nebenan

Diese Woche war ich bei der örtlichen Hyundai-Vertretung um die Winterräder montieren zu lassen. Der Mitinhaber dieser Werkstatt ist zufälligerweise (…) unser Nachbar. Ich verliess die Garage jedoch nicht nur mit gewechselten Rädern am Auto, sondern auch mit einer Bibel des ICF in der Hand, einem Grinsen auf den Stockzähnen und einem grossen Aha-Erlebnis.

Unsere Nachbarn sind so richtig freundliche Menschen, also… wirklich wirklich ganz besonders freundliche Menschen. Ohne jegliche Ecken und Kanten. Aalglatt. Eigentlich wie die ganze Nachbarschaft. Bis auf L+M… von denen wussten wir von Anfang an, dass sie Hallelujah-Brüder sind und daher eine gesunde Distanz geboten ist… wir spüren auch ihre ablehnende Haltung uns gegenüber sehr deutlich… als lebendige Menschen verkörpern wir für sie wohl den Leibhaftigen – der nicht grundlos von der Kirche der «LEIB-haftige» genannt wird. Aber die beiden, J+M sind eigentlich total sympathisch… irgendwie eben zu normal, zu angepasst und irgendwie… blutleer… ein ausgefülltes Leben, aber dennoch leblos. Und man fühlt genau, dass man nur so lange gut Freund mit ihnen ist, wie man auch ihrem Weltbild entspricht. Und eine Situation war ganz besonders witzig; im August dieses Jahres hatten wir unsere Partytruppe hier zu Besuch und an ebendiesem Tag hatten wir ein neues DJ-Set von Alfred Heinrichs entdeckt… bereits ab 10 Uhr vormittags hämmerte wunderschöne Technomusik aus meinen nicht gerade schwachen Boxen. Unser Haus war quasi ein Klangkörper im Quartier… gegen 16 Uhr – auf dem Herd brodelte THC-Butter, in meinem Blutkreislauf kursierte eine leichte Dosis MDMA – klingelte es an der Tür, energisch und lang, ich wusste, da ist etwas nicht gut. Gehe an die Tür und der freundliche Nachbar steht vor der Tür und beklagt sich über die Musik und dass nun einfach genug sei… dass das nicht normal sei… und so weiter. Er kocht innerlich… aber nur innerlich… Er ist wie hinter mehreren Glasscheiben… der Schall (die Emotion) gedämpft… volles Verständnis meinerseits, lächelnd verspreche ich ihm, die Musik leiser zu stellen… doch ihn so zu sehen… ich auf MDMA und dadurch ohne jeglichen Filter… tat mir fast leid… ich empfand ihn wie «einen Tiger in Ketten». So angepasst, so weit weg von seiner wahren Kraft, seinem wahren Wesen. Mich beelendete die Tatsache, wie ich ihn in dem Moment wahrgenommen hatte viel mehr als seine Reklamation an sich.

Wie kam es nun zu dieser Bibel? Als ich meinen Autoschlüssel dem Werkstattchef übergeben hatte, bot mir J einen Kaffee im oberen Stockwerk an. Ich nahm dankend an und ging mit ihm die Treppe hoch. Nach einem kurzen Gespräch – er weiss von meinem Trailprojekt und dass ich mehr vom Leben will, als Schaffe-Schaffe-Häuslebaue – sagt er zu mir, dass er mir gerne etwas schenken würde. Es sei kein materieller Wert, doch er denke ich würde es zu schätzen wissen. Er ging nach hinten, in seinem Gang war eine starke Energie zu erkennen, er war regelrecht getragen von dieser Energie, ich würde sogar sagen, es war Liebe… er kam zurück mit einem Buch in der Hand, der «Starter-Bibel» des ICF. Und er erzählt mir, dass er vor 13 Jahren auch eine grosse Sinnkrise hatte, dass er kurz davor war, alles aufzugeben und sich das Leben zu nehmen… doch, dass Jesus ihn gerettet hätte… wie glücklich er sei, seit er sich «unterworfen» hat und quasi sämtliche Eigenverantwortung abgegeben hat… wie frei er in seiner Hingabe zu Jesus sei… und wie frei seine Gemeinde sei und dass nicht geurteilt wird… denn nur Gott dürfe urteilen (Falsch, Gott urteilt am wenigsten von allen)… und dass Lily und ich beide geschieden seien… doch Scheidung Sünde sei… doch er es eben nicht verurteilt (jaaaa… genau), da das ja Sache des Herrn ist… und dass er und M. auch Seelsorge betreiben, gerade bei Beziehungskrisen und blablablabla…

Ich erklärte ihm – in aller Liebe – dass ich aufgrund meiner Vergangenheit in der neuapostolischen Kirche sehr wohl mit der Bibel vertraut bin… und dass ich durchaus gläubig bin, doch nicht religiös… dass ich religiöse Gemeinschaften ablehne, da die Kirche die Bibel völlig falsch auslegt (hast du meinen Artikel dazu gelesen? Adam und Eva… Gott… und der Sündenfall – Goldener Käfig, offenes Zelt), da Gott ja gesagt hat, dass die Menschheit sich kein Bildnis von ihm machen soll, doch die Kirche genau das tut indem sie aus Gott eine urteilende Entität geschaffen hat, was wiederum bedeuten würde, dass das mit dem freien Willen ein ganz schlechter PR-Gag wäre… dass Urteil überhaupt der Weg in die Hölle sei (die übrigens nicht als solche existiert, sondern die wir hier auf Erden erschaffen eben durch das Urteilen und daraus entstehende Gefühle wie Scham…)… eigentlich zitierte ich effektiv meinen Blogartikel zur Religion… und versuchte ihm zu erklären, dass wir Menschen genauso Schöpfer wie Schöpfung sind… “Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild” – und damit ist eben nicht gemeint, dass Gott aussieht wie ein Mensch, sondern, dass der Mensch die gleiche Macht hat wie Gott.

Talk to the hand!

Ich konnte nicht zu ihm durchdringen. War mir aber auch klar, ich weiss wie gehirngewaschen religiöse Menschen sind. Die Kirche indoktriniert die Menschen dermassen stark mit ihrer Lehre und dem Glauben, dass alles, was diese Lehre in Frage stellt, eben der Teufel ist. Man kann nicht mit ihnen reden… man kann ihnen nur zuhören und ihnen in Liebe begegnen. Es ist genau wie mit dem eigenen «spirituellen Erwachen»… den Menschen davon zu erzählen… also Menschen die (noch) nicht an dem Punkt in ihrem Leben angekommen sind… würde diese Menschen, ihre Vorstellungskraft, hoffnungslos überfordern. Alan Watts beschreibt es so: es ist, als würde man versuchen, den Ozean in eine Teetasse zu füllen.

Und das haben religiöse Menschen und die Menschen, die sich in den Fängen von MLM-Firmen oder irgendwelchen Gurus und ihren Communities verfangen haben, gemeinsam; Sie sind gehirngewaschen und aus diesem Grund nicht mehr präsent. Selbst diejenigen die das Gefühl haben, dadurch den Weg zur Achtsamkeit gefunden zu haben… ihn vielleicht sogar gefunden haben… die glauben erwacht zu sein… sind auf dem Auge, mit dem sie auf diese Community oder eben ihre Lehre blicken, blind!

Man darf diesen Menschen nicht böse sein, sie schlafen extrem tief in ihrem Glauben, wach zu sein…

Also, nicht vergessen: be careful with stars, not every light is gonna guide you, baby! …gerade in Finsteren Zeiten…

Post Scriptum

Hier ein Video von Kurt Tepperwein… schau mal rein… und dann schau dir die weiteren Videos dieser Reihe an. Mehr brauchst du nicht. Und wenn doch, lies Eckhart Tolle “Jetzt. Die Kraft der Gegenwart”, oder “Gespräche mit Gott” von Neale Donald Walsch.

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