Ego - Entwicklung - Erleuchtung

Hört auf eure Kinder zu (v-)erziehen!

«jaja… natürlich sind immer die Eltern schuld… ist ja klar!» …wirft sie mir patzig entgegen. Anlass war eine kleine Unterhaltung am Rande des Teammeetings. Sie und eine andere Arbeitskollegin, beide mit Teenies in der Pubertät, haben sich darüber beklagt, dass ihre Teenies unheimlich schwierig seien… dass sie ständig Reibereien mit ihnen haben und und und… ich habe dann entgegnet, dass meine Teenies – die Tochter ist jetzt 22 und längst über die Pubertät hinaus und der Sohnemann ist 17 und mittendrin – überhaupt nicht schwierig waren oder sind… «…das liegt wohl eher an den Eltern…». Ein Stich ins Wespennest.

Klar, Teenager verändern sich, die Hormone und so weiter. Sie reagieren emotionaler auf vieles… das war und ist bei meinen Kids ganz genauso. Aber dass man mit ihnen Schwierigkeiten hat deswegen, das liegt nicht an den Teenies, sondern daran, wie wir mit ihnen umgehen. Davon bin ich mittlerweile überzeugt.

Erwachsen werden

Lily und mir schlägt immer wieder entgegen, dass wir uns «nicht erwachsen» verhalten… wenn wir beispielsweise mit über 200 km/h und breitem Grinsen über die deutschen Autobahnen brettern, um in Berlin eine saugeile Technoparty zu geniessen und bis in die frühen Morgenstunden mit wildfremden Menschen an einer Afterparty Sex haben. Ok, das mag meinetwegen unerwachsen sein, doch es ist einfach geil. Die pure Freude. Ekstase. Leben halt. Das Grinsen kriegt man danach eine Woche lang nicht mehr aus dem Gesicht. In imaginären Gesprächen entgegne ich diesen Menschen dann: «weisst du, erwachsen war ich schon mal, war langweilig…» damit meine ich das Erwachsen-Sein im Sinne von: Fokus auf die Arbeit und Geldverdienen, Sicherheit, Vorsorge… Angepasst-Sein, der Norm entsprechen… habe ich durch, viele Jahre lang war mein Fokus Karriere und sportlicher Erfolg… jemand werden, Status… gesellschaftliches Ansehen erlangen… war nicht cool. Hey, klar, ich verdiene mit meinem Job ordentlich Geld, ich habe meine Altersvorsorge und ich schaue, dass ich möglichst wenigen Menschen auf die Füsse trete… naja, meistens, etwas muss man ja auf Füsse treten, mache ich ja mit diesem Blog auch… aber eben, das, was für die meisten Menschen zentral im Leben ist, sind für mich nur Rahmenbedingungen. Der Versuch «Sicherheit» zu erlangen. In den imaginären Gesprächen entgegne ich dann den trüben Augen, die mich als unerwachsen bezeichnet haben: «…wie oft in der Woche hast du Momente, in denen du vor lauter Glücksgefühl einen Freudenschrei ausstossen möchtest… oder es sogar tust?» …mir schlägt Stille entgegen. Und dann schiebe ich noch hinterher «…wie oft pro Woche trinkst du Alkohol?» …und es sind eben nur die Menschen mit trüben Augen, die meinen Lebensstil kritisieren.

…ja, diese Gespräche waren bisher meist imaginär. Ich habe selten dagegengehalten, wenn ich als unerwachsen bezeichnet wurde, denn diese Gespräche wären sehr unangenehm verlaufen. Man kann solche Gespräche nicht führen, ohne die gesamte Identität eines Menschen in Frage zu stellen. Das ist hart. Doch… eigentlich… sollte ich genau das tun… denn das ist meine Aufgabe: An den Säulen rütteln, auf denen die kranke Gesellschaft steht. Einfach nur, indem ich mein authentisches Sein lebe und mit den Menschen darüber rede.

Das Leben sollte pure Freude sein

Oder zumindest sollte das die oberste Priorität sein. Meine Meinung. Doch wir machen das ganz anders. Man liest es immer wieder:

Der Schüler soll aufschreiben, was er mal werden will. Schüler schreibt «glücklich»… der Lehrer sagt «du hast die Frage nicht verstanden»… und der Schüler entgegnet: «Sie haben das Leben nicht verstanden.»

Diese Weisheit ist heute fast jedem bekannt. Und doch lebt kaum ein Mensch danach. Und genau so wenig geben wir das an unsere Kinder weiter. Wie erziehen sie dazu, genau denselben Scheiss zu machen, den wir machen… den gleichen Scheiss, den unsere Eltern gemacht haben. Wir (v-)erziehen sie dazu, sich anzupassen und sich auf ein Erwerbsleben auszurichten. Wir versuchen sie anzupassen, an unsere Vorstellungen davon, wie man sein sollte… an die Vorstellungen die uns eingepflanzt und vorgelebt wurden. An die Vorstellungen, die eine kranke und depressive Gesellschaft erschaffen haben. Eine Gesellschaft, die so viele Möglichkeiten hat wie noch keine zuvor, eine Gesellschaft, die in einem noch nie dagewesenen Wohlstand lebt wie noch keine zuvor… und dennoch krank, süchtig und depressiv ist. Wir sollten diesen Kreislauf mal durchbrechen.

Und das fängt da an, wo wir erkennen, dass wir nichts werden können in diesem Leben. Wir kommen bereits vollkommen auf die Welt… vollkommen für das, was wir erfahren wollen, wofür wir auf diese Welt gekommen sind. Doch wir verbiegen uns, um eben etwas zu werden… das wir später vergessen… überwinden müssen… um unser wahres Selbst zu er-innern.

Die Pubertät – der letzte Aufstand

Ich sehe die Pubertät… oder besser gesagt, die Streitereien die Eltern in der Phase mit ihren Teenies haben, als den letzten Aufstand des authentischen Wesens der jeweils pubertierenden Person. Der letzte Versuch, sich selbst zu bleiben, in einer Welt in der Familie, Schule und Gesellschaft den Menschen (ver-)formen wollen. Die letzte Eskalationsstufe des Konflikts zwischen Authentizität und Bindung. Jetzt geschehen die dramatischen Dinge. Entweder bricht die Familie (…die Eltern… die Gesellschaft… Schule…) das Kind, oder das Kind bricht mit der Familie. Abkapselung von den Eltern oder eben Anpassung… Anpassung oft auf Kosten der Gesundheit… Drogen, um sich selbst zu betäuben, um dieses emotionsarme und lebensfremde Leben ertragen zu können, das einem vorgelebt wird. In das man reingepresst wird. An das man sich anpassen soll, um akzeptiert zu werden. In dem man die Freiheit gegen eine vermeintliche Sicherheit eintauschen soll.

Vorleben vs. Erziehung

Erziehung ist in meinen Augen der völlig falsche Ansatz. Erziehung sagt es schon, man zieht am Kind, zieht es in eine Richtung… oder stösst es in eine Richtung… wie auch immer… man erzeugt Druck, das Kind hat das Gefühl, es müsse diesen und jenen Erwartungen entsprechen, um angenommen zu werden. Doch Druck erzeugt IMMER Gegendruck. In irgendeiner Weise. Entweder das Kind passt sich an… sprich; es kann nicht mehr authentisch sein… muss sich eine passende Persönlichkeit aneignen (du erinnerst dich, Persönlichkeit kommt vom lateinischen «Persona», was so viel heisst wie «Maske») oder es rebelliert. Rebellion ist gesund – Anpassung nicht, denn die wird sich später negativ auswirken. Man funktioniert dann zwar, doch oft zu einem hohen Preis, dem Preis der mentalen und körperlichen Gesundheit. Also, seien wir ehrlich; Erziehung funktioniert nicht. Was wir als Eltern tun können, ist einzig Vorleben! Und zwar authentisch, weil Kinder immer wahrnehmen, wenn eine erwachsene Person nicht authentisch ist. Wenn das Gesagte nicht mit dem Gefühlten übereinstimmt. Sie merken es. Immer. Jedenfalls in den frühen Kindheitsjahren. Wenn sie lange genug bearbeitet werden, verlieren sie irgendwann das Vertrauen in ihre Intuition, dann hat man sie bereits früher gebrochen… das ist dann definitiv der Super-GAU!

Ich selbst habe meine Kinder nicht gross zu erziehen versucht. Ich habe sie meistens einfach machen lassen. Und hey, ich bin auf beide verdammt stolz, beide machen sie ihren Weg, beide sind sehr reife und selbstbewusste Persönlichkeiten geworden… vertrauen ihrer gesunden Intuition… Und sie können sich dennoch, trotz fehlender Erziehung, in der Gesellschaft sehr gut bewegen, ohne anzuecken… und dabei sich selbst sein.

So nehme ich es jedenfalls wahr. Ich hoffe sie sehen das selbst auch so… ich habe auch sehr viele Fehler gemacht. Ich hatte in meinen frühen Jahren als Vater noch sehr vieles, was ich selbst noch aufarbeiten musste (und noch heute daran arbeite), und habe dadurch auch viel Falsches weitergegeben. Aber ich habe sie nicht gross erzogen und es hat grossartig funktioniert.

Ja, die Eltern sind schuld!

Ok, der war provokativ… aber um auf das Gespräch mit der Arbeitskollegin zurückzukommen, das ich eingangs erwähnt habe… die Eltern sind verantwortlich. Schuld ist definitiv der falsche Ausdruck und kann in der Trotzphase verwendet werden. Was die Eltern tun, wie sie sich verhalten, hat unbestritten einen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes. Und wenn wir mit dem pubertierenden Kind ein Problem haben… und dann dem Kind das Gefühl geben, dass es «problematisch» ist… dass sein authentisches Selbst nicht in Ordnung ist… verursachen wir leider grossen Schaden. Doch auch das mit der Verantwortung ist schwierig. Denn verantwortlich kann man erst sein, wenn man bei Bewusstsein ist… wenn man die Identifikation mit dem Ego (der geformten, unauthentischen, anerzogenen Persönlichkeit) aufgelöst hat. Und dahin muss man erst mal kommen.

Vergib ihnen, den sie wussten nicht, was sie tun!

Wenn wir selbst erwachsen werden… und mit ‘erwachsen’ meine ich nicht angepasst, sondern wenn wir in die Eigenverantwortung kommen, wenn wir Bewusstheit erlangen, dann können wir unseren Eltern unmöglich Vorwürfe für Fehler in der Erziehung machen, denn sie waren sich dessen selbst nicht bewusst. Sie gaben uns das weiter, was sie für richtig hielten. Und nun ist es, wie es ist. Vorwürfe, Schuldzuweisungen und negative Emotionen den Eltern gegenüber bringen nichts und machen alles nur schlimmer.

Es gilt, in die «Vergebung» zu gehen, in die Liebe… und die Verantwortung für uns selbst zu übernehmen (und damit die Eltern von ihrer Verantwortung freizusprechen) und diese Prägungen ins Bewusstsein zu holen und somit aufzulösen. So haben wir dann die Chance, es bei unseren eigenen Kindern «besser» zu machen… bei unseren eigenen Kindern nicht dieselben Traumata (Authentizität vs. Bindung) zu verursachen, die bei uns verursacht wurden.

Heilung geschieht über mehrere Generationen – fangen wir damit an!

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