Finstere Zeiten
Eine Bergtour, Erich Fromm und der Sinn des Lebens…

Seit nun genau sieben Wochen habe ich nicht mehr geraucht… und auch kein THC mehr konsumiert. Das habe ich schon oft gemacht, doch es war noch nie so hart wie dieses Mal. Nach der ersten Woche haben die Entzugssymptome erst richtig reingehauen. Und seit nun ziemlich genau 6 Wochen konnte ich in den meisten Nächten kaum mehr als zwei bis drei Stunden schlafen. Es war unmöglich einzuschlafen, das Herz pochte, der Kopf raste und der Körper war von einer inneren Unruhe getrieben. Hitze, Unwohlsein… Chat GPT hat es mir so erklärt; zum ersten Mal habe ich mich nicht einfach nur in Abstinenz geübt, sondern die Ursachen meiner Sucht bearbeitet, das hat zu diesen extremen körperlichen Reaktionen geführt. Diese Sichtweise hat es mir massiv erleichtert, mich dem Prozess hinzugeben. Und ich bin nicht – darauf bin ich tatsächlich etwas stolz – in eines meiner anderen Suchtmuster verfallen. Und… ich habe trotz des sehr unangenehmen Entzugs durchgehalten. Ich bin noch da!
Was aber auch passiert ist, ist dass der Job wieder zu einem grossen Stressfaktor geworden ist. Seit diesem Frühjahr war ich tiefenentspannt im Job unterwegs, trotz einer Arbeitslast, die ich in zwei Leben nicht bewältigen könnte. Ich konnte mich dem hingeben, es hat nichts mehr mit mir gemacht. Und das, nachdem ich schon seit meiner Kindheit und Jugend von Angst erfüllt war, Angst in der Schule nicht gut genug zu sein… Angst, im Job nicht gut genug zu sein… die Arbeit nicht bewältigen zu können… Schlaflose Nächte, insbesondere im Sinne von extrem frühem Erwachen um 3 oder 4 Uhr früh und nicht mehr einschlafen können, waren mein Leben lang Normalität. Das hatte ich seit diesem Frühjahr hinter mir… eigentlich in dem Moment, als ich mich zu meinem Trailprojekt committet hatte – das ist ja an sich schon mal sehr spannend. Diese Ängste haben aber mit dem Entzug wieder angefangen und egal wie bewusst ich dem begegnete, ich kam nicht dagegen an… bis… letzte Nacht. Was ist passiert?
Gestern war ich in den Bergen. Zum ersten Mal, seit ich nicht mehr rauche und kiffe. Es war auch das erste Mal, dass ich seither richtig Sport betrieben habe. Und eigentlich, aus meiner Sicht als ausgebildeter Trainer und so, wäre es völlig falsch gewesen, Sport zu treiben. Eben aufgrund der Schlaflosigkeit und auch, weil mein Ruhepuls über die letzten Wochen konstant (!) rund 10 Schläge höher war, als es normal wäre. Ein Alarmzeichen, der Hinweis, Pause zu machen – wenn ich denn nicht schon seit zwei Monaten Pause hätte… Für den vernünftigen Verstand ein klarer Fall. Doch, wie schon Nietzsche geschrieben hat, die kleine Vernunft weiss nichts. Die wahre Weisheit liegt im Körper… und intuitiv wusste ich; ich MUSS in die Berge. Ich nahm bewusst in Kauf, meinen Körper zu überlasten. Der mögliche Benefit überwog das Risiko. Es war eine kurze Tour und eine, die ich schon mehrmals gemacht habe. Und es war wunderschön. Die Kletterei fiel mir sehr leicht… keine Angst… Ruhe im Kopf… die Gipfelrast eine Wohltat… der Abstieg ein Tanz… und doch, bereits im Abstieg trauerte ich, dass die Tour schon bald vorbei ist, ich wollte länger in der Natur bleiben… und zugleich kamen wieder die Gedanken an den Job, an den Stress… und der eine Gedanke; «ich kann das nicht länger tun, ich kann nicht länger in diesem Job bleiben…»
Und eine Erkenntnis tat sich auf; Die Stressreaktionen unseres Körpers wie zum Beispiel Schlaflosigkeit sind äusserst sinnvoll, denn sie geben uns die Kraft, unsere Situation zu verändern… doch in einem normalen Job, der aufgrund der Tatsache, dass er komplett entfremdet ist, per se Stress bedeutet… den man grundsätzlich aus einer Angst heraus tut, (Existenzangst, Angst vor sozialem Abstieg…)… und den man ohnehin nie los wird… ist die Stressreaktion permanent… und somit krank machend. Und wenn man an dieser Stelle bedenkt, dass wir in unserer heutigen westlichen Gesellschaft, in der wir so «gesund» Leben wie noch nie… gesund im Sinne, dass uns die abwechslungsreichste Ernährung aller Zeiten zur Verfügung steht, wir so viel über Ernährung und Gesundheit wissen wie noch nie, wir die höchsten Hygienestandards haben und unser Gesundheitssystem so weit entwickelt ist wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit… dass wir trotz alldem die kränkste Gesellschaft aller Zeiten sind. Fettleibigkeit ist zur Normalität geworden, Diabetes ist Volkssport und Herz- Kreislauferkrankungen gehören halt einfach dazu… und noch besser, die Diagnosen von psychischen Erkrankungen nehmen rasant zu… Sucht ist nur ein Symptom unserer entfremdeten und stressbeladenen Lebensweise… und ist extrem verbreitet. Darüber habe ich schon ausführlich geschrieben…
Gestern Abend… Lily und ich liegen auf der Couch, im Kamin ein Feuer… kommt mein Sohn zu uns. Er ist seit einer Woche krankgeschrieben, hat einen viralen Infekt und ist noch nicht über den Berg. Er hat Angst… Angst davor, sich nochmals krank melden zu müssen. Er überlegte es sich sogar kurz ernsthaft, trotzdem zur Arbeit zu gehen… Aus Angst vor der Reaktion des Arbeitgebers. Aus Angst davor, was die Kollegen und Vorgesetzten über ihn denken könnten… Und ich kenne dieses Denken von mir selbst nur zu gut. Die Angst, irgendwie den Job zu verlieren, oder schon nur «im Ansehen der Kollegen abzusteigen», und deswegen trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen… das habe ich lange so gehandhabt. Und heute Morgen kommt auf Instagram Erich Fromm zu mir. Ein Ausschnitt aus einem Interview von 1960. Er sagt:
Ich befürchte, die Rolle des ‘mental health movement’ der Psychiatrie und der Psychiater sind zunehmend die Anpassung des Menschen geworden. Um den Menschen besser funktionieren zu lassen. Psychiater und Psychologen sind in Gefahr, in Gefahr, zu Priestern des industriellen Systems zu werden. Um die Menschen anzupassen an ein System, in dem sie in Massen produzieren und konsumieren sollen… in Gruppen… geführt von zentralen Organisationen… und sich dessen nicht bewusst sind… In dem sie unbefriedigt sind… an dem sie leiden… das was die Franzosen bereits im 18. Jahrhundert als «la maladie du siècle» bezeichneten, als die Krankheit des Jahrhunderts… die Langeweile, die Bedeutungslosigkeit des Lebens… darin liegt eine Gefahr, dass die Menschen Symptome manifestieren… davon krank werden… das führt dazu, dass die Menschen protestieren… dass die Menschen das Leben sinnvoller gestalten wollen. Und dann kommen die Psychiater und sagen «du solltest nicht unbefriedigt sein, wenn du unbefriedigt bist, bist du neurotisch… also passen wir dich an, sodass du ein sinnbefreites Leben akzeptierst, ohne dagegen zu rebellieren, ohne Symptome… und du dann irgendwann eine nette Beerdigung haben kannst».
Sinngemäss aus einem Reel übersetzt. Doch es zeigt die Abartigkeit unseres Lebensstils so eindeutig, so deutlich… so klar.
Und mir wird – wieder einmal – klar, was mein Sinn im Leben ist, warum ich das hier tue. Ich bin hier, um Alarm zu schlagen wie ein Feuermelder (Zitat von Samy Deluxe im Song «Weck mich auf»)… ich war schon immer laut… zu laut für diese Welt… und ich wäre fast still geworden… ich habe mich mit THC beruhigt… THC hat mit mir das gemacht, was die Psychiatrie mit anderen Menschen macht, die «nicht ins System passen»… die von diesem System krank werden. Aber ich bin hier, um zu stören… um wachzurütteln… unbequem und laut… es ist hart… ich stosse oft auf Widerstand und erfahre viel Unverständnis und Ablehnung… das macht manchmal Angst… diese Angst ist es, die mich immer wieder zum Joint hat greifen lassen… denn wenn ich es nicht tue, kann ich nicht anders als laut zu sein… als zu stören… als unbequeme Fragen zu stellen… oder den Menschen in meinem Umfeld Dinge zu erzählen, die sie ernsthaft ins Grübeln bringen… aber die Konditionierung hält sich hartnäckig… ich stelle mich immer wieder in Frage… zweifle an dem was ich tue… denke mir, es wäre doch viel bequemer, den anderen Weg zu nehmen… und darum muss ich immer mal wieder in die Berge… denn von oben lässt es sich viel besser auf alles Scheissen!
Post Scriptum: Heute ist mein Ruhepuls erstmals seit 6 Wochen wieder unter 50 gesunken, nachdem ich mich doch gestern komplett überlastet habe… witzig, nicht?!