Alpenpässe-Wanderung, Tag 8
Dienstag, 21.07.2026
Ich habe – wider Erwartens – schlecht geschlafen und fühle mich kränklich… obwohl ich das Bett äusserst bequem fand und mich auch sonst sehr wohl gefühlt habe im Hotel. Der Hals brennt, das Ohr schmerzt stärker als auch schon und das Befinden insgesamt lässt mich überlegen, die Tour abzubrechen und direkt mit dem ÖV nach Hause zu fahren. Spannenderweise bin ich dem Gedanken gegenüber offen, habe mich schon fast dazu entschieden abzubrechen… was mir gar nicht ähnlich sieht. Normalerweise setzt sich mein Kopf… mein Ego immer durch wenn ich mir etwas vorgenommen habe… ohne Rücksicht auf Verluste. Heute ist es anders. Natürlich fände ich es schade abzubrechen und doch, was sein muss, muss sein… ich werfe ein Ibu ein, behandle mein Ohr mit Wasserstoffperoxid und gehe runter in den Frühstücksraum, wo ich wiederum äusserst freundlich von der Besitzerin des Hotels begrüsst werde. Sie bringt mir einen doppelten Espresso und nach den ersten Schlucken sowie einigen Bissen Brot, Konfitüre, Käse und Fleisch bessert sich mein Zustand rasant… wird sicher auch das Ibu sein… ein weiterer Kaffee und noch mehr Nahrung folgen und ich beschliesse die Fortsetzung der Tour zu versuchen… erstmal geht’s ja mit dem ÖV nach St. Luc… mein Bus fährt um 09:49 in Evolène ab, nach Sion, von dort aus geht’s mit dem Zug weiter nach Sierre und dann mit dem Postauto nach St. Luc, wo ich erst nach 12 Uhr ankomme. Also noch etwas Zeit um mir klar zu werden, ob es etwas wird. Ausserdem habe ich in Sion genug Zeit um eine Apotheke aufzusuchen und mehr Ibuprofen zu beschaffen. Und sollte ich im Aufstieg zum Meidpass dann doch feststellen, dass es nix wird, kann ich jederzeit zurückkehren und nach Hause fahren.
Ich packe meine Sachen zusammen und checke aus dem Hotel aus… der Marsch zur Bushaltestelle fühlt sich gut an… In Sion gehe ich wie geplant zur Apotheke und kaufe mir noch ein zweites Frühstück… die Zugfahrt nach Sierre ist flugs durch und schon sitze ich im Postauto nach St. Luc. Es hat einige andere Menschen im Bus und die nerven mich ziemlich… generell fühlte ich mich auch in den vorherigen Verkehrsmitteln unter Menschen nicht wohl… ich will ständig nur wieder in die Berge und weg von den Menschen… das wird mir gerade auf dieser Fahrt bewusst… und speziell ein anderer Fahrgast im Postauto, der sich schon in Sierre über den Chauffeur enervierte, weil dieser «so ein typischer fauler Walliser ist» weil er die Leute ihr Gepäck selbst im Gepäckfach verstauen lässt, geht mir besonders auf den Sack. Ein typischer schweizer Bünzli, der immer alles kritisieren muss und ständig am Nörgeln ist. Seine Frau schämt sich regelrecht für ihn… aber auch diese Fahrt ist irgendwann zu Ende. Nun noch mit der Standseilbahn hoch und weiter geht meine Wanderung. In der Standseilbahn wieder witzige Szenen… Ein Herr regt sich über die Downhill-Biker auf, die ein ganzes Abteil in der Bahn mit ihren Bikes besetzen… dabei ist dieses Abteil genau für Downhill-Biker reserviert. Ich bin froh, als ich aussteigen kann. Ich marschiere direkt weg von den Touristen und als ich endlich etwas abseits bin und allein auf dem Weg, bleibe ich stehen und mache mich richtig marschbereit… Sonnencreme einschmieren, Headbuff gegen den Wind montieren… spannend, dass ich dermassen das Bedürfnis habe, mich der Menschenmasse zu entziehen, das war sonst nie ein Thema und normalerweise fühle ich mich unter Menschen sehr wohl… Der Aufstieg beginnt moderat und fühlt sich gut an. Und die Gegend ist wunderschön.




Die Abbruch-Option ist schon bald kein Thema mehr… Puls ist im normalen Bereich… was unterdessen soviel heisst wie dass er sich um knapp 100-110 Schläge pro Minute bewegt… im Aufstieg mit 20kg Gepäck… was mich immer noch staunen lässt… normalerweise habe ich im Aufstieg – auch mit weniger Gepäck – einen Puls von 140-160… aber seit etwa dem vierten Tag dieser Tour hat sich das verändert… Ganz gut fühle ich mich nicht, aber gut genug, um den Aufstieg durchzuziehen. Beim Lac de l’Armina lege ich eine längere Pause ein, beobachte witzige kleine Fische im See und stelle irgendwann mit grosser Freude fest, dass ich ja in Evolène noch eine Schorle in den Rucksack gepackt habe. Ein Hochgenuss!



Der restliche Aufstieg zum Pass ist wiederum eher hart und der Wind, der mir schon seit Beginn der Etappe um die Ohren peitscht, mach das Ganze nicht angenehmer. Auf der Passhöhe ist der Wind so stark, dass der Wegweiser ein Lied spielt, es klingt fast wie der Klang eines Alphorns. Eine Weile schaue ich umher, weil ich effektiv meine, dass irgendwo jemand ein Alphorn spielt… aber eben, es ist nur der Wind… Die Aussicht ins Turtmanntal sowie auf die Barrhörner und das Bishorn – welches sich zwar versteckt – ist herrlich. Ich halte nur kurz inne und beginne ziemlich direkt mit dem Abstieg, da der Wind einen Aufenthalt auf der Passhöhe äusserst unattraktiv erscheinen lässt.


Auf dem Weg zum Meidsee – ich bin nun definitiv im deutschsprachigen Teil des Kantons Wallis angekommen – begegnet mir eine Gruppe junger Wanderer. Der letzte der Gruppe spricht mich an und fragt, ob es auf der anderen Seite des Passes gute Plätze zum Biwakieren und allenfalls auch Wasser gibt. Beides bejahe ich, mit dem Hinweis, dass der Wind dort sehr stark bläst und ich aus dem Grund auf dieser Seite eine Übernachtungsmöglichkeit, wahrscheinlich beim Meidsee suche. Er erklärt mir, dass sie auch um den Meidsee biwakieren wollten, aber dort ebenfalls starker Wind weht und es kaum Schutz gibt. Als ich beim Meidsee ankomme bestätigt sich das… wunderschön, aber starker Wind und keinerlei Windschutz…


Also weiter absteigen… Die Koordination fällt mir zunehmend schwer, da die Beine von den vorherigen sieben Tagen ziemlich ermüdet sind… und die Füsse schmerzen… Nach etwa 30 Minuten gelange ich zum «Chlei Seewji» einem kleinen See… der viel schöner ist als der Meidsee… und es hat viele Felsen und Stufen im Gelände die Schutz vor dem Wind bieten… und ich könnte, falls notwendig, Wasser aus dem See nehmen und filtern. Ich suche mir den besten Platz und deponiere meinen Rucksack… Es hat schon eine kleine Steinmauer die zusätzlichen Windschutz zur Seite bietet. Der Platz ist perfekt für Cowboy-Camping… die letzte Nacht meiner Tour – unter freiem Himmel, grossartig! Ich erhöhe die Mauer noch mit einigen Steinen und lege mich testweise hin. Absolut windstill! Freudig setze ich mich, angelehnt an einen Felsen hin und fülle meine Glykogenspeicher mit sauren Goldbären von Haribo.



Als ich wieder etwas Kraft gesammelt habe – insgesamt fühle ich mich sehr viel besser als am Morgen – suche ich nach einem Spot an dem ich Handyempfang habe, sodass ich mit Lily kommunizieren kann. Sie hatte in einer ihrer letzten Sprachnachrichten gesagt, dass sie doch nicht länger in Caslano bleiben wird und am Mittwoch heimfährt… also könnte sie mich, falls ich will, auf dem Rückweg irgendwo abholen… Und für mich ist klar; diese Etappe musste noch sein und diese eine Nacht in den Bergen wird der würdige Abschluss meiner Tour… der Abstieg nach Gruben am nächsten Tag wird lediglich etwas mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen und so kann ich den ganzen Morgen lang noch hier am See sein und alles Revue passieren lassen… Das Ende in Evolène wäre zu abrupt gewesen.
Ich muss mich etwa 500 Meter und 100 Höhenmeter von meinem Lagerplatz entfernen um ganz schwaches Netz zu finden… ein Anruf gelingt und Lily geht direkt ran… doch sie versteht mich nicht… also hänge ich auf und versuche es mit einer Sprachnachricht die tatsächlich übermittelt werden kann… also nochmals eine Sprachnachricht… sprechen fällt schwer, ich bin komplett heiser… Alles klappt, Lily kommt mich am nächsten Tag in Gruben abholen. Zeit ist nicht klar, aber egal, ich werde irgendwann gegen Mittag in Gruben sein, ins Restaurant gehen und mich durch die Karte fressen, bis sie ankommt… Der Gedanke an unser Wiedersehen treibt mir die Freudentränen in die Augen… es wird greifbar… und steht schon kurz bevor.
Als ich zurück zu meinem Lagerplatz komme, stellt gerade ein anderer Wanderer sein Zelt unmittelbar neben meinem Platz auf… zuerst will ich mich darüber aufregen, dass ich nicht alleine hier bin, doch irgendwie gelingt das nicht… es ist einfach ok. Ich frage ihn, ob er klarkommt, da er angesichts des Windes doch etwas zu kämpfen hat mit dem Zelt… er bejaht und fragt mich, ob das mein Rucksack ist der da etwas weiter oben hinter dem Felsen liegt. Ich bejahe ebenfalls. Er sagt, dass er hofft, dass ich nicht zu viel Wind haben werde… ich bin diesbezüglich unbesorgt… setze mich an meinen Platz und richte mein Nachtlager ein… koche Wasser für mein Abendessen und bin selig… Nach dem Essen, gegen 20 Uhr schlüpfe ich in meinen Schlafsack und fange an meinen Tagebucheintrag für den Tag zu verfassen… doch ich bringe es nicht zu Ende, ich bin zu müde… lege mein Notizbuch weg und schlafe ein.


