Alpenpässe-Wanderung – Tag 9
Mittwoch, 22.07.2026
Während der Nacht bin ich mehrere Male aufgewacht – ungefähr alle anderthalb Stunden, oder anders gesagt, nach jedem Schlafzyklus kurz – und konnte den Sternenhimmel bewundern. Unheimlich klar waren viele Sterne zu sehen. Da wird einem wieder klar, in welcher Lichtverschmutzung wir in der Zivilisation leben. Ich habe versucht, den Sternenhimmel mit der Handykamera zu fotografieren, was mehr schlecht als recht gelang… dennoch…

Gegen 04:30 Uhr bin ich dann definitiv wach, es dämmert erst ganz schwach… am Bishorn sieht man die Stirnlampen der Bergsteiger… und die Sterne sind ebenfalls noch sichtbar.




Ich bleibe lange in meinem Schlafsack liegen, da es darin gemütlich warm ist, während die Temperatur ausserhalb ziemlich kalt ist… es dürfte wohl um den Gefrierpunkt sein… noch im Schlafsack sitzend… halb liegend… koche ich mir meinen Kaffee… geniesse ihn… während der Tag langsam erwacht und gegen 6 Uhr die ersten Sonnenstrahlen das Bishorn und das Barrhorn rosa leuchten lassen.



Ich geniesse einen zweiten Kaffee – noch immer im Schlafsack – und danach mein Frühstück… das letzte gefriergetrocknete Frühstück… vorläufig… Frühstücksporridge mit Apfelstücken… dieses fand ich aber effektiv ziemlich gut… während ich esse, treffen mich die ersten Sonnenstrahlen. Mit dem Sonnenlicht wird es grad deutlich wärmer.


Der andere Wanderer, der in der Nähe biwakiert hat, ist bereits vor gut einer Stunde aufgebrochen… er macht die «Tour du Cervin», ebenfalls eine sehr harte Tour mit vielen Höhenmetern. Ich wünschte ihm gutes Gelingen und erklärte ihm, dass ich 8 Tage Wanderung hinter mir habe und heute nur noch nach Gruben absteige und dort abgeholt werde. Ich setze mich auf einen etwas erhöhten Fels, schaue in die Weite und lasse in Gedanken meine Tour Revue passieren. Ein langer, sehr emotionaler Moment… ich lache und weine… wechselnd… gleichzeitig… Dankbarkeit durchströmt mich… Dankbarkeit dafür, dass ich das erleben durfte, dass mein Körper das mitgemacht hat… ich koche mir nochmals einen Kaffee… setze mich wieder auf den Fels und geniesse den Kaffee… freue mich auf Lily… auf zuhause… auf meinen Sohn… auf ein leckeres Essen mit den beiden… Tränen rinnen über mein Gesicht. Für mich ist klar, dass das erst ein Testlauf war… dass ich das wieder machen werde… unbedingt. Am liebsten bereits im kommenden Herbst… ich bin froh, habe ich diese letzte Etappe doch noch gemacht, es war der Abschluss, den ich brauchte… nun fühlt sich alles rund an. Es ist vollbracht. Ich bin nun bereit es zu beenden. Gegen 10:00 Uhr fange ich gemächlich an, meinen Schlafplatz zu räumen, alles nochmals sorgfältig zusammenzupacken, wie ich es die letzten Tage jeden Morgen getan habe… doch dieses Mal hat es etwas Endgültiges… und es waren nur 9 Tage… wie muss das sein, wenn man einen PCT gewandert ist!? Unvorstellbar!
Bevor ich mit dem Abstieg beginne, schiesse ich ein paar letzte Fotos. Das Wetter präsentiert sich von seiner schönsten Seite, der See ist spiegelglatt… die meiste Zeit jedenfalls.


Ein Foto von mir gibt es auch noch… wie sieht man nach 9 Tagen wandern aus? So:

Ich bin überglücklich… und doch traurig… traurig, dass dieses Abenteuer vorbei ist… das sieht man auf dem Bild auch deutlich. Ich hätte ewig weitermachen können… wenn ich dem Körper einen oder zwei Tage Pause gegönnt hätte natürlich. Ich bin die ganze Zeit ziemlich aufgewühlt, was sich auch im Abstieg nach Gruben nicht ändert. Der Abstieg selbst geht leicht und schnell. Sobald ich Netz habe, kommt auch schon eine Nachricht von Lily rein. Sie hat verschlafen und ist nun mit dem Putzen der Ferienwohnung im Verzug… ich soll mir also wirklich Zeit lassen mit dem Abstieg… zu spät, bin schon unterwegs und rechne eh nicht mit viel mehr als 1.5 Stunden… wahrscheinlich weniger. Ich antworte ihr, dass sie sich Zeit lassen soll, da ich mich im Restaurant in Gruben einfach so lange durch die ganze Karte fressen werde, bis sie da ist. Ich lege eine kurze Pause ein, bin schon fast unterhalb der Baumgrenze… und schon sehr bald ist das Dorf zu sehen.


Und nach insgesamt lediglich 1:09 bin ich unten in Gruben… Ich stehe am Waldrand… sehe das Dorf und das Restaurant… vor mir fliesst ein Bach… und irgendwie bin ich doch noch nicht bereit… wozu? Weiss ich nicht… ich würde – obwohl ich mich so unheimlich auf Lily freue – am liebsten weitermachen mit der Tour… und die Rückkehr in die Zuvielisation macht auch gar nicht so Bock. Ich freue mich zwar auf ein gutes Essen… doch ich fühlte mich in den Bergen dermassen wohl, dass ich mich nur schon in meiner Vorstellung fast wie ein Fremdkörper in dem Restaurant fühle… ich setze mich auf die Bank und nehme mir einen Moment für mich…

Gute 20 Minuten sitze ich einfach da… dann bin ich so weit, mache ein Selfie für Lily, packe meine Teleskopstöcke auf den Rucksack, wasche mein Gesicht mit etwas Wasser aus dem Bach und binde die Haare neu zusammen… und begebe mich zum Restaurant wo ich sehr freundlich und zuvorkommend von einem jungen Kellner begrüsst werde. Die Terrasse ist gut besucht, ich finde jedoch einen freien Tisch mit Blick auf die Berge. Ich bestelle Rindsfilet auf dem heissen Stein mit Pommes, dazu einen halben Liter Schorle… «Gute Wahl» meint der Kellner. Emotional noch immer aufgewühlt, schreibe ich Lily, dass ich in Gruben angekommen bin und im Hotel/Restaurant Schwarzhorn auf sie warte… danach schreibe ich noch meiner Mutter, dass ich die Tour gesund beendet habe… und geniesse schon bald ein herrliches Stück Fleisch… noch selten habe ich ein Essen dermassen genossen… zum Dessert bestelle ich den hausgemachten Apfelkuchen und einen Kaffee… nochmals eine Schorle…


Lily ist nun seit 2 Stunden unterwegs und ich sitze seit gut 2 Stunden im Restaurant… ich wollte eigentlich hier auf sie warten, doch es hält mich keine Sekunde mehr hier. Ich beschliesse ihr entgegenzugehen! Ich bezahle mein Essen, packe mir den 20kg-Rucksack ein letztes Mal auf den Rücken und marschiere zügig durchs Tal… Lily entgegen. Meine Beine fühlen sich überhaupt nicht so an, als wäre ich 9 Tage unterwegs gewesen, ich renne fast. Mit Tränen in den Augen. Als ich einen sehr engen Strassenabschnitt entlang gehe, auf dem Wenden nicht möglich wäre, schaue ich auf Google-Maps wo Lily parken könnte und sende ihr den Standort. Die Antwort kommt umgehend, dass sie in ca. 10min dort sei… Freudentränen in den Augen… am Treffpunkt angekommen lege ich meinen Rucksack ab und setze mich zu Boden, lehne an einen Baumstamm… und jedes Mal, wenn ich ein Auto höre, strecke ich meinen Kopf… 10 Minuten sind vorbei… 11… 12… und dann sehe ich den Peugeot mit orangenen Rückspiegeln um die Kurve düsen… Lily strahlt hinter dem Lenkrad hervor… sie fährt ran und steigt aus… wir fallen uns um den Hals und lassen uns eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr los.