Alpenpässe-Wanderung, Tag 7
Montag, 20.07.2026
Um 4 Uhr bin ich wach… irgendwann in der Nacht musste ich mal raus zum Pinkeln. Der Sternenhimmel war unglaublich schön. So klar wie man es sonst, in der Zivilisation, niemals zu sehen kriegt. Meine Polar-Uhr ist der Meinung, dass ich bereits seit 02:30 wach bin… das Ding hat keine Ahnung. Herzfrequenz-Variabilität 70ms (Grundwert 32)… also nochmals besser als die vorherige Nacht. Langsam fange ich an, mich zu fragen, ob mein Körper nicht einfach deutlich mehr Belastung und weniger Arbeit vor dem Computer benötigt… die Antwort ist mir ja schon lange klar. Doch dass sich das so klar zeigt, erstaunt mich ziemlich.
Obwohl ich diese Nacht die Daunenjacke von Anfang an trug, hatte ich wiederum ständig etwas kalt. Ja, ok, auf dem Zelt hat sich auch Eis gebildet über Nacht… Ich muss mir wohl einen besseren Schlafsack besorgen. Auch nach dem Aufstehen ist mir kalt… logisch, vorher trug ich dasselbe nur ohne Bergschuhe, war aber noch im Schlafsack.



Ich freue mich auf zwei Kannen Kaffee… werde aber bitter enttäuscht, es reicht nur noch für eine Kanne. Mein Selfie das ich für Lily mache, ist verschwommen, weil ich ständig etwas am Zittern bin. Dennoch ist die Stimmung top. Ich bin absolut glücklich und geniesse den Morgen wiederum ausgiebig.





Nach dem Frühstück packe ich meine Sachen zusammen und beginne den Aufstieg in Richtung Col de Riedmatten. Knapp 300 Höhenmeter Aufstieg und danach geht es nur noch 930 Höhenmeter hinunter nach Arolla… dort werde ich den Bus nach Evolène nehmen und mir dort ein Hotel suchen. Es ist Zeit für eine erholsamere Nacht.
Der Aufstieg zum Pass verläuft zuerst sehr moderat und in einfachem Blockgelände… später dann aber zunehmend steil und ausgesetzt, dazu sehr sandig, sodass ich jeden Schritt sehr konzentriert ausführen muss, um nicht wegzurutschen. Die ganz heiklen Stellen sind mit Ketten gesichert – immerhin ist es ja als T3 Wanderweg ausgeschildert und da sind heikle Passagen immer entschärft… Der Aufstieg ist rasch geschafft und ich gönne mir eine Pause in den ersten Sonnenstrahlen… lasse mich von der Sonne aufwärmen und geniesse den Blick zurück zum Mont Blanc de Cheilon und auf die andere Seite auf Pigne d’Arolla und Mont Collon…





im Abstieg nach Arolla, auf einer Ebene, breite ich mein Zelt zum Trocknen aus und gönne mir eine weitere Pause… der Rest des Abstiegs ist mühselig, da die Füsse schmerzen und ich insgesamt ziemlich erschöpft bin… es zieht sich hin, doch gegen Mittag bin ich in Arolla und das Postauto steht schon da… ich renne die letzten Meter um es sicher zu erwischen. Der Chauffeur isst gerade ein Sandwich, ich hätte es also gemütlich nehmen können. Als ich ein Ticket nach Evolène löse, fragt er, wohin in Evolène ich will… ich habe keine Ahnung, irgendwo wo ich ein Hotel finden könnte. Alle im Bus im Chor: «il n’a pas d’Hôtel à Evolène »… es gibt keine (freien) Hotels in Evolène… jedoch einen netten Campingplatz… der Chauffeur meint scherzhaft, ich könne mir ja ein Zelt kaufen… ich erkläre ihm, dass ich ein Zelt habe und gerade genug gezeltet habe… wir lachen alle. Ich fahre dennoch – etwas missgestimmt – nach Evolène und will dort weiterschauen. Im Postauto checke ich Booking und finde… effektiv nichts in Evolène.
In Evolène steige ich aus, hole meinen Rucksack aus dem Gepäckfach und marschiere durchs Dorf… mein Plan: Zuerst ein Restaurant suchen, etwas essen und dabei nochmals ganz in Ruhe auf Booking für ein Hotel schauen oder im Restaurant fragen, ob sie etwas kennen oder eine Idee haben… während ich durchs Dorf gehe, fällt mein Blick auf den Campingplatz, der etwas weiter unten liegt… es hat einen Pool… meine Laune bessert beim Gedanken daran, dass ich ja doch auf dem Campingplatz zelten könnte und dann sogar die Möglichkeit auf ein erfrischendes Bad hätte… Badehose habe ich zwar keine dabei, worin ich aber kein Problem sehe… dennoch, mal weiterschauen… ich suche mir ein Restaurant, bestelle eine Schorle und eine Käseschnitte und öffne Booking.com… und gebe Evolène ein… Ein Treffer erscheint, Hotel Eden. Fast nie verfügbar sagt die App, ich hätte Glück. Ich buche, grinse und geniesse meine Käseschnitte und danach noch ein Dessert. Im Restaurant fühle ich mich wie ein Fremdkörper. Evolène ist ein sehr ursprüngliches Dorf, das Französisch, das hier gesprochen wird, verstehe ich nur schwer, trotz guten Französischkenntnissen. Aber das Gefühl entspringt mir selbst… ich werde sehr freundlich bedient und die Menschen sind eigentlich sehr sympathisch… liegt sicher auch daran, dass ich mich nach zwei Nächten im Zelt etwas unwohl fühle und ziemlich übel rieche… es hat viele Fliegen auf der Restaurantterrasse, doch zu mir kommt keine.
Nach dem Essen gehe ich zum Hotel, kein Mensch ist anwesend und es scheint insgesamt komplett leer zu sein… ich rufe die Telefonnummer an… ein freundlicher Herr erklärt mir, sie wären erst gegen 16:00/16:30 Uhr da. Ich darf mein Gepäck im Salon deponieren, die Türe sei offen. Ich trete ein, es scheint wirklich komplett leer zu sein. Nur zwei leere und benutzte Weingläser auf einem Tisch zeugen von möglichem Leben. Alles ist ziemlich alt und etwas «abgewohnt», aber dennoch sehr gepflegt und liebevoll gestaltet. Ein sehr spezielles Hotel. Die Bewertungen auf Booking waren grossartig… ich denke mir «Hauptsache ein Bett»… deponiere meinen Rucksack und gehe hinunter zum Fluss. Suche mir ein Plätzchen am Fluss das vom Dorf her nicht einsehbar ist, ziehe mich komplett aus und lege mich in den eiskalten Fluss… herrlich! Kalt, aber herrlich! Nach mir ist meine Kleidung dran… alles ausser Socken und Schuhe wird gewaschen und zum Trocknen an einen Ast gehängt.

Langsam fühle ich mich wieder etwas wohler… Noch bevor alles ganz trocken ist, ziehe ich mich wieder an, setze mich nochmals etwas in die Sonne und begebe mich wieder ins Dorf um im Supermarkt einzukaufen. Eine Schale frische Himbeeren und ein Tonic Water werden direkt vor dem Laden vernichtet. Den Rest nehme ich mit ins Hotel, wo unterdessen Leben eingekehrt ist. Ich checke ein – die Dame von der Reception (wie ich später herausfinden sollte, führt sie mit ihrem Mann zusammen das Hotel alleine) ist sehr sympathisch… man fühlt sich wirklich willkommen. Sie weist mich darauf hin, dass sie auch ein Restaurant haben, falls ich im Hotel mein Abendessen nehmen will. Ich bedanke mich und erkläre, dass ich mich erst Mal hinlegen will und dann später entscheide. Im Zimmer spüle ich rasch meine Socken – üble Sache, ich trage sie mittlerweile seit 7 Tagen – und hänge sie nach draussen zum Trocknen… und nach einer wohltuenden Dusche lege ich mich ins Bett und schlafe gute zwei Stunden.


Noch ziemlich benommen schaue ich mir auf Google Maps die Restaurants in Evolène an… das Hotelrestaurant hat eine der besten Bewertungen in ganz Evolène und die Karte sieht vielversprechend aus. Ich ziehe mich an und gehe nach unten… Es hat tatsächlich Platz für mich und so suche ich mir draussen im Garten einen Tisch mit Blick auf die Dent Blanche. Etwas weiter sitzt eine deutsche Vierergruppe, wahrscheinlich Bergsteiger und auch noch ein Paar welches noch den Wein austrinkt, ansonsten sitzt niemand im Garten. Während ich aufs Essen warte und mein Bier trinke, studiere ich am weiteren Verlauf meiner Tour herum.

Am nächsten Tag würden nach Plan über 1’500 Höhenmeter Aufstieg auf mich warten, was ich gerade als nicht machbar betrachte… da setzt sich noch ein amerikanisches Paar an den Tisch vor mir… die beiden kommen mir sehr bekannt vor und irgendwann spreche ich sie an, frage, ob sie nicht vor 3 Tagen in der Cabane Louvie waren. Sie bejahen und wir erzählen einander, was wir seither so erlebt haben. Sie machen ebenfalls eine lange, mehrtägige Wanderung und haben nun einen Pausentag in Evolène eingelegt… sie erzählen, dass sie für die nächste Etappe einen Shortcut suchen, da sie gerade etwas am Limit sind… Shortcut… danke dafür! Nachdem wir uns verabschiedet haben, fange ich an etwas weiter zu denken… suche nach ÖV-Verbindungen die mir Höhenmeter ersparen… eben nach einem Shortcut… was sich aber ab Evolène nicht bewerkstelligen lässt. Aber… wenn ich die nächsten zwei Etappen überspringe und mit Bus und Zug ins nächste Tal fahre, kann ich dort mit der Bahn auf über 2’000 Meter hochfahren und habe dann noch knapp 900 Höhenmeter zu machen UND ich komme danach ins Turtmanntal. Wäre also eine Etappe auf die ich mich ohnehin mehr gefreut hätte. Meine Freude ist riesig und der Pulled Lamm Burger der mir unterdessen serviert wurde ist der Wahnsinn… die Käseplatte zum Dessert ebenfalls… und dass sie einen Humange Rouge im Offenausschank haben treibt mir fast die Freudentränen in die Augen…



Als mir der Wein serviert wird erkläre ich der Besitzerin, dass das für mich an ein Wunder grenzt… wie ich auf dem letzten Zacken nach Evolène kam, ohne Hoffnung auf ein Hotel und nun hier sitze, ein grandioses Abendessen in traumhafter Umgebung geniesse, bekannte Gesichter treffe die mich zur Lösung meines Problems inspiriert haben und mich auf ein Bett freuen kann… und sie erklärt mir, dass sie selten Zimmer auf Booking ausschreiben, sie aber heute eine kurzfristige Stornierung hatten und sie spontan beschloss, das Zimmer doch auf Booking auszuschreiben… und falls es jemand nehmen würde, kriegt die Person die storniert hat, ihr Geld zurück. Also haben heute viele Leute gleichzeitig Glück gehabt. Seelig trinke ich meinen Wein aus und… begebe mich auf die Terrasse um Lily eine Sprachnachricht zu senden. Danach geniesse ich vor dem Zubettgehen noch die letzten Sonnenstrahlen die den Gipfel der Dent Blanche in Rosa Licht tauchen und… entdecke eine schwarz-weisse Langhaarkatze die unten durch den Garten streift und zu mir hochschaut… ich muss an Yoshi denken, meine geliebte Katze die wir zwei Tage vor Beginn meiner Tour einschläfern lassen mussten…



