Alpenpässe-Wanderung, Tag 6
Sonntag, 19.07.2026
Gegen 04:45 Uhr wache ich auf und fühle mich erstaunlich gut… irgendwann nach Mitternacht war ich mal zitternd aufgewacht und musste die Daunenjacke anziehen zum Weiterschlafen, so kalt war es (Mein Schlafsack hat eine Komforttemperatur von 1°C)… immerhin war ich auf fast 2800 Meter über Meer. Gemäss meiner Polar-Uhr habe ich insgesamt 6 Stunden und 21 Minuten geschlafen, davon waren 1:51 REM-Schlaf… und noch spannender: durchschnittliche Herzfrequenz war bei 62, was auf dieser Höhe und beim aktuellen Belastungsstatus ein recht tiefer Wert ist (normalerweise, gut erholt, ist der Wert im Schnitt bei 55) und die Herzfrequenzvariabilität war bei 57ms in den ersten 4 Stunden. Ebenfalls ein Wert der sogar deutlich über meinem normalen Wert ist, wenn ich erholt bin. Ich staune nicht schlecht, denke mir aber nicht zu viel dabei.
Zuerst mal Kaffee. Den Morgen geniesse ich ausgiebig – genau wie den letzten Abend. Ich sitze einfach nur da, an einen Fels gelehnt, schaue in die Ferne und feiere das Leben. Fühle mich lebendig wie schon lange nicht mehr… Dankbarkeit… wieder lachen und weinen… heftig was da mit mir passiert… aber wunderschön. Irgendwann gegen 7 Uhr packe ich meine Sachen zusammen und gehe los. Heute geht es über den Col de Prafleuri und auf der anderen Seite des Passes entweder in die Cabane de Prafleuri oder grad weiter bis zum Dixence Staudamm – dort gibt es ein Restaurant… danach entweder am Lax des Dix biwakieren oder je nach dem weiter aufsteigen bis zu einem Gletschersee unterhalb des Col de Riedmatten und dort biwakieren… mal schauen.
Der Weg zum Col de Prafleuri gehört zu den schönsten Szenerien die ich auf dieser Tour bisher zu sehen bekam. Immer wieder komme ich an kleinen Seen vorbei… das Wasser kristallklar… Felsen, Schneefelder und eine mystische Stimmung, da es etwas bewölkt ist.



Der Weg zum Pass zieht sich in die Länge, da es noch einen Gegenanstieg gibt, den ich nicht auf dem Schirm hatte… auch das ein Zeichen dafür, dass ich recht entspannt unterwegs bin und es nehme wie es kommt, die ersten Etappen hatte ich noch ganz genau auf der Karte studiert. Der Aufstieg zum Pass läuft gut, auch wenn er – wie jeder Anstieg mit diesem Gepäck – hart ist. Oben auf der Passhöhe kann ich die Silhouette einer Person ausmachen und irgendwie spielt mir mein Gehirn einen Film ab, wie ich dort oben auf Lily treffe die auf mich wartet. Tränen kullern über meine Wangen. Ich vermisse sie schon arg. Ich hege keinerlei Zweifel an meiner Unternehmung, aber Lily fehlt mir und ich freue mich extrem auf unser Wiedersehen. Auf halbem Weg kommt mir die Person die ich gesehen hatte entgegen, natürlich ist es nicht Lily… wir grüssen uns und ich steige weiter auf. Schlussendlich bin ich doch ziemlich rasch oben und lege eine ausgiebige Rast ein. Die Wolken reissen langsam auf und die Sonne scheint wärmt mich… herrlich… der Blick zur Rosablanche ist unbezahlbar. Doch der Weiterweg zur Cabane de Prafleuri sieht etwas trostlos aus. Früher war in dem Bereich noch vieles vergletschert, doch der schnelle Rückgang der Gletscher hinterlässt oft trostloses Gelände, was hier besonders deutlich sichtbar wird.



Im Abstieg begegnen mir mehrere Gruppen die von der Hütte her kommen. Als ich der Hütte näher komme, sehe ich, dass es noch einen Gegenanstieg gibt auf den ich keinen Bock habe… und die Erfahrung der letzten Hüttenbesuche (es gab jeweils nur Hüttenkuchen zu essen) veranlasst mich, direkt bis zum Dixence Staudamm abzusteigen und das dortige Restaurant ins Visier zu nehmen. Der Abstieg läuft rund, ich tanze regelrecht über die Wanderwege… entscheide mich dann für einen alten, nicht mehr unterhaltenen und auch nicht mehr auf der Karte eingezeichneten Wanderweg um wiederum einen Gegenanstieg zu vermeiden. Eine Gruppe die nicht besonders bergerfahren wirkt hat sich ebenfalls auf diesen Pfad verirrt… sie kehren aber, kaum habe ich sie überholt, wieder um. Der Weg ist stellenweise wirklich etwas ausgesetzt und daher nur für trittsichere Berggänger zu empfehlen.

Beim Staudamm angekommen habe ich einen leichten Kulturschock… alles voller Touristen, ein Bistro mit Musik… ich nehme die Gondel um vom Staudamm zum Restaurant zu gelangen… auch die Gondel voller Touristen… und ich, stinkend, dreckig und mit schwerem Rucksack… fühle mich wie ein Alien. Egal. Im Restaurant geniesse ich ein Cordon Bleu mit Pommes und einen Liter Schorle… eine anständige Toilette weiss ich unterdessen auch zu schätzen…

und schon bin ich wieder in der Gondel hoch zum Stausee. Fülle noch meinen Wasservorrat auf, Entsorge meine Abfälle im Abfalleimer und setze meinen Weg fort. Anfangs hat es noch viele Leute auf dem Weg entlang des Stausees… doch je weiter ich mich bewege, desto weniger werden es. Im hinteren Teil dann nur noch Berggänger die wohl von der Cabane des Dix kommen… Ich geniesse diesen Teil der Wanderung sehr, es ist flach (über 4km mache ich kaum 45 Höhenmeter) und die Landschaft wunderschön. Ich gehe an vielen möglichen Plätzen vorbei die sich zum Biwakieren regelrecht aufdrängen… Es hat Bäche, Wiesen… doch es ist noch zu früh und die Beine scheinen doch noch ganz fit zu sein… und das obwohl ich heute bereits mehr Kilometer gemacht habe als auf jeder vorherigen Etappe. Also weiter, bis ans Ende des Stausees, wo es dann hoch geht in Richtung Cabane des Dix resp. zum Gletschersee an dem ich gerne biwakieren würde… und doch, langsam fühle ich mich schwer, die Beine werden müde…


vor dem Beginn des Aufstieges lege ich eine ausgiebige Pause ein. Überlege ob ich ca. einen Kilometer zurückgehe um mein Zelt aufzustellen… oder doch mal den Aufstieg versuche… esse einige Riegel, trinke etwas… und beschliesse – wer hätte etwas anderes erwartet – den Aufstieg zu versuchen. Es ist hart… nach ungefähr 10 Höhenmetern mache ich jeweils eine kurze Verschnaufpause… immer wieder sehe ich mögliche Plätze zum Biwakieren, was mich jedes Mal motiviert, weiterzugehen, da ich so immer die Möglichkeit hätte, ohne viel Höhenverlust zu einem dieser Plätze zurückzukehren und dort zu übernachten, falls es am Gletschersee keinen geeigneten Platz hätte. Gerade die Unsicherheit ob der Gletschersee wirklich einen gute Biwakplatz bieten würde, macht die Unternehmung noch etwas abenteuerlicher. Auf der Karte ist das nicht immer ganz einfach festzustellen.


Für die 345 Höhenmeter und 2.27 km benötige ich satte 1:12… und doch, ich gelange zum Gletschersee und stosse einen Freudenschrei aus… so einen richtig lauten Freudenschrei… ein Paradies für mein Zelt. Und die Umgebung… ein Traum, die Nordwand des Mont Blanc de Cheilon, eine wunderschöne, dreieckige Felswand, erhebt sich direkt vor mir… davor die geröllbedeckte Gletscherzunge des Glacier de Cheilon. Ich lege meinen Rucksack ab, setze mich auf den erstbesten Fels und gönne mir die restlichen sauren Katzen. Eine Gruppe kommt vorbei – sie werden wohl meinen Freudenschrei gehört haben – sie wollen heute noch Arolla erreichen. Ich wünsche ihnen einen guten Weiterweg und erkläre, dass für mich Feierabend ist und ich hier übernachte. Arolla mache ich morgen.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich es schaffe, mein Zelt aufzustellen und währenddessen spüre ich, dass ich heute etwas über meine Grenze hinaus gegangen bin. Also heisst es heute viel essen, damit der Körper auch gut herunterfahren kann. Doch zuerst richte ich meinen Schlafplatz fertig ein. Da es von der Talseite her windet, baue ich aus Steinen eine kleine Schutzmauer, damit das Zelt noch etwas besser vom Wind geschützt ist.

Zufrieden koche ich das Wasser für mein Abendessen und geniesse dieses mit herrlicher Aussicht über den Lac des Dix bis zum Grand Mont Fort – an dessen Fuss meine heutige Tagesetappe gestartet hat. Ich bin beeindruckt ab der Strecke, die ich zurückgelegt habe. Und dazu wieder dieses Gefühl von absoluter Lebendigkeit. Die pure Glückseligkeit. Zufrieden esse ich später noch die Packung Shortbread und lege mich früh schlafen.




