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Alpenpässe-Wanderung, Tag 5

Samstag, 18.07.2026

Nach einer erholsamen Nacht – ich war gegen 21 Uhr im Bett – erwache ich ziemlich genau um 04:30 Uhr. Das Ohr ist wiederum nicht besser geworden, eher schlimmer… aber das war zu erwarten und stresst mich nicht mehr, da ich einen Schlachtplan habe. Die Option wäre noch immer gewesen, die Route wie geplant fortzusetzen, also ab der Cabane de Louvie zum Col de Louvie aufsteigen (ca. 700 Höhenmeter) und dann im Gebiet vom Grand Desert zu biwakieren oder gar weiter zu gehen in Richtung Cabane de Prafleuri. Aber eben, da das Ohr nicht besser geworden ist, werde ich definitiv in die Zivilisation absteigen, eine Apotheke aufsuchen, Vorräte auffrischen und wieder mit der Bahn aufsteigen… zuerst aber mal Kaffee. Diesen geniesse ich vor der Hütte, wo mir eine Katze begegnet. Augenblicklich denke ich an Yoshi und muss kurz weinen.

Nach dem Frühstück, welches ich wiederum mit den Australiern und noch einem amerikanischen Paar am Tisch verbringe, allerdings deutlich wortkarger als am Vortag, packe ich sehr rasch meine Sachen zusammen und beginne den Abstieg ins Tal. Sobald ich Netz habe, kommt eine Sprachnachricht von Lily und ein Foto rein. Augenblicklich wieder Tränen in den Augen. Mir wird klar, dass ich sie bereits sehr vermisse und auch insgesamt emotional ziemlich durchlässig bin… was ich geniesse und positiv werte, da ich erst seit wenigen Jahren wieder langsam etwas Zugang zu meinen Gefühlen finde. Die Sprachnachricht ist eine reine Freude, Lily erzählt was sie alles tut, wie ihre Kreativität erwacht – sie hat sich während meiner Reise auch eine Auszeit für sich vorgenommen und wird heute ins Tessin fahren – ich bin meinerseits ebenfalls total im Flow und entsprechend euphorisch ist meine Rückantwort…

Der Abstieg ins Tal… es sind immerhin gute 700 Höhenmeter… mit dem schweren Rucksack… geht flugs vorbei, ich renne fast hinunter und wundere mich ab den langsamen Trailrunnern. Ok, evtl. bin ich etwas übermotiviert. Unten angekommen bleibt mir eine gute halbe Stunde bis der Bus kommt. Ich wechsle mein T-Shirt (habe eines dabei zum wechseln, z.B. wenn ich in einer Hütte geduscht habe oder eben, falls das andere nass geschwitzt ist und ich etwas trockenes brauche) und entspanne mich… geniesse die Stimmung und die Ruhe im Tal an diesem frühen Morgen.

In Le Châble gehe ich direkt in die Apotheke und erkläre mein Problem. Die Apothekerin ist unheimlich sympathisch und wir unterhalten uns auch über meine Tour. Sie findet meinen Plan super und sagt auch, dass das Gebiet Grand Desert wunderschön sei… nun freue ich mich noch mehr auf meinen heutigen Biwakplatz. Als nächstes der Supermarkt. Ich kaufe Getreideriegel mit Beeren und Apfel… habe Lust auf Fruchtiges… dazu noch verschiedene sonstige Kleinigkeiten welche das Herz erfreuen… vergesse aber Blasenpflaster für meine gigantische Blase an der Ferse und ebenso Lippenpommade… doch das sollte mir erst in der Bahn zum Col des Gentianes klar werden. Shit happens. Das letzte Blasenpflaster klebt noch an der Ferse… muss halt so gehen… Oben angekommen versorge ich mein Ohr mit Wasserstoffperoxid und werfe eine Ibu ein… Sonnencreme einsteichen, Sonnenhut aufsetzen, Riegel in die Seitentasche sodass sie griffbereit sind und los geht’s.

150 Höhenmeter Abstieg über einen Fahrweg, danach auf einen alpinen Wanderweg (blau-weiss markiert)… Schneefelder, Felsen… Wohlfühlzone. Mein Grinsen könnte nicht breiter sein. Ich halte ein eher langsames, aber sehr stetiges Tempo, komme insgesamt gut voran. Ich habe den Flow gefunden und die Motivation ist riesig… ich denke mein Körper hat sich auch daran gewöhnt… oder zumindest eingesehen dass es hier keine Wahl gibt und es sich anzupassen gilt. Nach 4 Tagen. Was mir auch auffällt, ist dass mein Puls insgesamt ziemlich tief ist… das habe ich bereits am Vortag festgestellt, doch habe es auf die Ermüdung zurückgeführt. Aber auch heute, im Aufstieg, fällt mir das auf. Passt sich mein Körper wirklich schon an? Normalerweise habe ich bei solchen Aufstiegen einen Puls von 140-160… heute bewegt er sich um 100 Schläge pro Minute… faszinierend!

Eine Gruppe schliesst von Hinten auf. Als ich in der Hälfte des Aufstiegs eine kurze Pause einlege, überholt mich die Gruppe. Eine Wandergruppe mit Guide… alles eher jüngere Teilnehmer. Sie machen fast dieselbe Route wie ich, jedoch wollen sie in die Cabane Saint Laurent… aber bis zum Grand Desert haben sie dieselbe Route. Die letzten beiden der Gruppe tragen Sneakers und Flausch-Trainerhosen. Ich muss innerlich schmunzeln und zugleich verdamme ich den Guide, der diese beiden in solches Gelände mitnimmt, ohne angemessene Ausrüstung. Ein Fehltritt und die gesamte Gruppe ist im Scheiss. Ich amüsiere mich darüber, wie ungeschickt der Grossteil der Gruppe durch das Gelände stolpert, esse einen weiteren Riegel und setze dann meinen Aufstieg über den Col de la Chaux fort. Oben auf dem Pass macht die Gruppe Rast… ich gehe vorbei und wünsche viel Spass. Im Abstieg denke ich nochmals an die Turnschuh-Dudes, die werden keinen Spass haben hier. Von vielen Weitwanderern hört man, dass sie mit Trailrunning-Schuhen unterwegs sind. Kann man machen, ist aber einfach dumm, wenn man sich in alpinem Gelände bewegt… hier riskiert man Verletzungen ohne festes Schuhwerk. Und das nur um etwas Gewicht zu sparen. Was für Würmer!

Auf dem Weg zum Lac du Petit Mont Fort begegne ich einem anderen Wanderer mit grossem Rucksack und Zelt. Wir unterhalten uns kurz, er strebt die Cabane de Prafleuri an, hat jedoch die Biwakausrüstung für den Fall dass die Hütte voll ist. Wir unterhalten uns auf Englisch… er bittet mich darum, ein Foto von ihm zu machen… «as a proof for my family that i was here.» Wir quatschen noch etwas, dann setzen ich meinen Weg fort, kurz vor dem Lac du Petit Mont Fort habe ich Blick auf die Cabane Louvie… bin irgendwie froh, dass ich diesen Aufstieg nicht machen musste und dennoch muckt mein Ego etwas.

Kurz darauf bin ich beim Bergsee… Nie in meinem Leben habe ich bisher einen dermassen blauen und klaren See gesehen. Am liebsten würde ich reinspringen. Aber da ich das letzte Blasenpflaster an meinem Fuss und eine Entzündung im linken Gehörgang habe (und baden ohne mit dem Kopf unter Wasser zu gehen wäre wie Vögeln ohne… ok, lassen wir das) verzichte ich schweren Herzens auf den Sprung ins eiskalte Nass. Ich gönne mir eine ausgiebige Pause mit Blick auf den See.

Die Sneaker-Gruppe schliesst auf, sie haben den Abstieg vom Pass also geschafft. Ich bin froh für sie, denn auch wenn ich Dummheit in den Bergen scharf verurteile, wünsche ich doch niemandem ernsthaften Schaden. Sie gönnen sich ebenfalls eine Pause und einige springen johlend in den See. Mein Gehör hat eigentlich Bock auf Ruhe, also setze ich meinen Weg fort. Der Aufstieg zum Col de Louvie ist wiederum hart und doch steige ich stetig wie eine Maschine hoch… staune darüber, wie ich in den Flow gefunden habe und trotz gefühlt mörderischer Anstrengung den Rhythmus halte. Oben auf dem Pass erwartet mich eine weniger spektakuläre Aussicht als ich erwartet hatte, also direkt weiter bis zum Grand Desert… es ist schon Mitte Nachmittag und ich muss noch einen angemessenen Biwakplatz finden.

Als ich im Abstieg kurz Rast mache, kommt ein Paar vom Pass herunter, das ich auf dem Weg nach oben gekreuzt hatte… «we changed our mind…» sagt sie grinsend. Wir unterhalten uns kurz und ich schaue ihnen noch kurz hinterher. Sie gehen nicht auf dem Wanderweg weiter – haben aber auch ein anderes Ziel als ich, mein Weg führt nach Osten, sie gehen nördlich… Als ich meinen Weg fortsetze, wird mir klar warum. Die nachmittägliche Wärme lässt den Gletscher so stark schmelzen, dass sich der ansonsten zahme Bach über den der Wanderweg führt, in einen reissenden Fluss verwandelt hat, der sich nicht queren lässt. Also gehe ich ebenfalls in nördliche Richtung und suche ziemlich lange einen Weg übers Wasser… noch bevor ich meinen Weg finde, erreicht mich eine Sprachnachricht von Lily. Sie ist auf dem Weg ins Tessin und steckt in einem üblen Stau… ok, Gotthard in der Sommerferienzeit an einem Samstag… logisch. Ich antworte ihr, bereits ziemlich kaputt aber voller Euphorie, dass alle geilen Erlebnisse wohl etwas holprig anfangen… denke dabei an die ersten Tage meiner Tour und wie sich das Gefühl unterdessen verändert hat. Ich finde gerade keinen Weg zu meinem möglichen Biwakplatz, bin bereits ziemlich müde und eine geeignete Wasserquelle ist aktuell nicht in Sicht, da alles rundherum Gletscherseen sind, deren Wasser nicht geeignet ist zu Trinken… doch die Stimmung ist top und ich wäre nirgendwo lieber als da wo ich gerade bin.

Ich gönne mir einen kleinen Snack und schon springt mir eine Möglichkeit ins Auge, um das Wasser zu überqueren. Ich schultere kurzum meinen Rucksack und hüpfe über die Steine… einige Steine sind mehrere Zentimeter unter Wasser und ich segne meine Bergschuhe die die Füsse trocken halten. Rasch habe ich den Fluss überquert und eine weitere Welle der Euphorie überkommt mich… es läuft! Es dauert nicht lange und ich finde einen coolen Biwakplatz, lege meinen Rucksack ab und erkunde die Gegend, evtl. findet sich ja noch ein besserer Spot… nein, doch nicht… also Zelt auspacken und zum Trocknen auslegen – es ist noch nass von der Gewitternacht.

Blitzartig ist es trocken und aufgestellt… mein Blick schweift über die Ebene zum etwas tiefer liegenden Gewässer, das ich überqueren musste. Die Turnschuhgruppe ist gerade dabei den Weg über das Wasser zu suchen. Ich muss grinsen beim Gedanken an die getränkten Sneakers…

Ich gehe zu einem kleinen Bergsee dessen Ursprung anhand der Karte eine Quelle zu sein scheint und schöpfe Wasser aus dem Bach, der dem See das Wasser zuführt. Mit 4 Liter gefiltertem Wasser kehre ich tiefenentspannt und singend zu meinem Biwakplatz zurück. Nun ist alles Wichtige erledigt, es ist noch nicht mal 18 Uhr und ich kann den Abend geniessen…

Die Gruppe geht an mir vorbei und ich grüsse sie wiederum grinsend… danach bin ich alleine… finde einen bequemen Fels… lehne mich an und geniesse die Sauren Katzen, die ich mir in Le Châble gekauft habe, selten hat eine Süssigkeit so gut geschmeckt… später suche ich mir einen guten Platz um mein Essen zu kochen und bereite mir meine gefriergetrockneten «Nudeln in Rahmchampignon mit Rindfleisch» zu. Es schmeckt unerwartet gut… ich feiere das Leben richtig, weine sogar vor Freude… sitze da, schaue in die Ferne und bin einfach… lasse meine Gedanken fliessen und höre ihnen zu… So könnte es ewig weitergehen… so muss sich Leben anfühlen!

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