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Alpenpässe-Wanderung, Tag 4

Freitag, 17.07.2026

Gegen 6 Uhr hole ich den Gaskocher und meine Bialetti aus dem Rucksack. Geschlafen habe ich keine Sekunde. Fühle mich elend und kraftlos. Würde am liebsten einfach liegenbleiben. Nach dem Kaffee bin ich etwas motivierter und beschliesse, möglichst bald meinen Weiterweg anzugehen. Angesagt wären heute zwei Pässe; der Col du Sarshlau (ca. 500 Höhenmeter Aufstieg ab der Ecurie de Vasevay) und dann noch der Col du Bec d’Aigle (ca. 250 Höhenmeter Aufstieg), dann ab dem Col du Bec d’Aigle weiter aufsteigen in Richtung Col de Louvie und kurz vor dem Pass am Lac du Petit Mont Fort biwakieren… alternativ den Col de Louvie überschreiten und danach im Gebiet vom Grand Desert biwakieren. Optional könnte ich nach dem Col du Bec d’Aigle absteigen zur Cabane de Louvie, einer Hütte. Ich behalte mir die Hüttenoption im Hinterkopf, da ich nicht wirklich fit bin und mich sogar leicht kränklich fühle. Liegt aber wohl hauptsächlich am Schlafmangel… und so. Während ich packe kommt eine der Hirtinnen in den Materialraum (in dem sich auch da Klo der Alpwirtschaft befindet) und erschrickt ab meiner Anwesenheit. Ich erkläre, dass ich aufgrund des Gewitters in den Materialraum umgezogen bin. Ihre Reaktion ist wirklich cool, sie findet, dass ich absolut richtig gehandelt habe, da das Gewitter sehr nah war. Als ich alles gepackt habe und nach draussen zu meinem Zelt gehe um dieses auch noch abzubauen, bin ich positiv überrascht, dass es nach 5 Stunden im Starkregen innen noch komplett trocken ist. Aussen natürlich nicht… da jedoch alles klatschnass ist, auch der Boden, packe ich das Zelt halbnass zusammen und gehe los…die Sicht ist kristallklar und die Szenerie wunderschön. Abgesehen davon, dass alles nass ist, erinnert nichts mehr an den Terror der letzten Nacht.

Der Aufstieg in Richtung Col du Sarshlau ist zäh… nach etwa 150 Höhenmetern gelange ich zur Ecurie du Crêt wo ich meine Frühstückspause einlege. Auch eine weitere Kaffeekanne gibt es. Die Aussicht ist grandios, doch ich führe einen inneren Kampf… das Ohr schmerzt und durch den Schlafmangel fühle ich mich halb krank… Ich zweifle weiterhin an meinem Plan…

Als ich meinen Blick nach Nordwesten richte, sehe ich wie eine Wand aus Regen auf mich zukommt… gegen Südosten sieht das Wetter wunderbar aus… ich packe meine Sachen zusammen und bringe mich unter einem Felsvorsprung in Sicherheit… koche einen weiteren Kaffee und wäge meine Optionen ab. Dass ich meinen ursprünglichen Plan umsetzen kann – also zum Col de Louvie aufsteigen und in der Nähe des Lac du Petit Mont Fort biwakieren – erscheint mir unmöglich, es wären mit den beiden Pässen über 900 Höhenmeter die ich überwinden müsste… und das in dem Zustand. Ich beschliesse, die Cabane de Louvie anzupeilen und mir dort eine Nacht in der Hütte zu gönnen. Werfe nochmals eine Aspirin ein gegen die Ohrenschmerzen, trinke meinen Kaffee… und nachdem der Regen vorüber ist, setze ich meinen Aufstieg fort. Die nun offiziell abgekürzte Etappe und die Aussicht auf eine Nacht in der Hütte – sofern ich denn einen Schlafplatz kriege – motiviert mich etwas.

Vorerst verläuft der Weg mehrheitlich flach… oder besser gesagt mit nur moderatem Anstieg… doch als es steiler wird, merke ich erst richtig, wie kaputt ich bin… ich fühle mich fast wie betrunken, die Koordination ist sehr schlecht und je höher ich in Richtung Col du Sarshlau steige, desto ausgesetzter und schmaler wird der Weg. Normalerweise würde ich über solche Wege rennen, doch nun bewege ich mich extrem langsam… bin regelrecht ängstlich… konzentriere mich auf jeden einzelnen Schritt und setze die Stöcke sehr gezielt ein. Auf der Passhöhe verweile ich nur sehr kurz, da ich doch einen gewissen Rhythmus gefunden habe und lieber direkt den Abstieg, der ebenfalls ziemlich ausgesetzt ist, in Angriff nehme als nochmals neu in den Flow finden zu müssen.

Ich gelange auf eine Ebene mit Bach, Wiese und Felsen… kann meinen Weiterweg ausmachen und beschliesse eine Pause zu machen. Lege meinen Rucksack ab, ziehe den Midlayer über, den Sonnenhut auf den Kopf und Sonnencreme aufs Gesicht… lehne mich gegen einen Fels und schlafe ein. Eine gute Stunde schlafe ich so… danach gibt es Essen, Kartoffelbrei mit Schnittlauch und dazu Wurst… insgesamt gute zwei Stunden dauert meine Pause und sie tut unheimlich gut. Ich finde ein neues Tempo… nicht in Bezug aufs Wandern, sondern insgesamt. Bisher gings immer ums Ziel und darum, möglichst rasch am Ziel zu sein… Pause, Essen, etc. war dann erst am Ziel erlaubt, vorher wird Gas gegeben. Beim Weitwandern, wenn wir das so nennen wollen, ist ein ganz anderes Mindset gefragt… und das stellt sich langsam ein.

Ich fühle mich nach dem Essen und dem kurzen Schläfchen insgesamt deutlich besser und beschliesse, meinen Weg fortzusetzen. Wasser auffüllen? Noch nicht! Gegen Ende des Tals, kurz bevor der nächste Aufstieg auf den Col du Bec d’Aigle beginnt, überquere ich nochmals einen Fluss. Ich beschliesse, mein Wasser dort aufzufüllen und gehe los…

Das Essen war salzig und ich werde schon sehr bald durstig. Zuerst geht es nochmals ein Stück runter, nur um dann wieder anzusteigen. Der letzte Schluck ist weg und beim Fluss fülle ich lediglich meine 1 Liter Filterflasche, sollte reichen für den Pass und den Abstieg zur Hütte. Es ist nun etwa 13 Uhr und heiss… im Aufstieg blicke ich zurück und sehe, dass weiter oben am Fluss Schafe weiden… verdammt! Das heisst, ich müsste das Wasser noch desinfizieren, doch das dauert – bei dieser Wassertemperatur – zwei Stunden. Bis dahin bin ich wahrscheinlich bereits bei der Cabane de Louvie. Schweren Herzens schütte ich das Wasser weg… so muss ich es wenigstens nicht schleppen. Der Aufstieg geht besser als der letzte, doch nun ist der Durst der Faktor, der mich quält. Oben auf dem Pass geniesse ich nur ganz kurz die Aussicht… schaue hinunter auf den See (Lac de Louvie) und freue mich auf die Ankunft in der Cabane…

…doch der Weg hinunter zur Hütte zieht sich in die Länge… die Beine schmerzen und ich gebe viel Druck auf die Stöcke, da die Beine fast keine Kraft mehr haben, um mein Gewicht und das des Rucksacks zu bremsen. Immer wieder lege ich eine kurze Pause ein um etwas Kraft zu sammeln, bis ich unten am See angekommen bin. Am liebsten würde ich reinspringen, aber ich habe nur ein Ziel, die Hütte… Trinken, Essen, Schlafen… noch ein kurzer Gegenanstieg zur Hütte und ich stehe davor. Der Rucksack plumpst zu Boden und ich setze mich erstmal hin… atme durch… dann gehe ich rein, verlange einen Liter Schorle und frage, ob sie einen Schlafplatz frei haben für die kommende Nacht. Es hätte eine grössere Stornierung gegeben, doch die Hüttenwartin ist gerade nicht anwesend, darum bleibt das Übernachtungsthema noch offen. Im schlimmsten Fall biwakiere ich neben der Hütte und schaue, dass ich in der Hütte essen kann. Ich setze mich nach draussen, trinke meine zwei Halbliterflaschen Schorle…mache ein Selfie… und bin schockiert… ich habe wohl noch nie so kaputt ausgesehen auf einem Foto.

Etwas später gibt es ein Stück Hüttenkuchen und eine Cola… mit vollem Bauch lege ich mich auf die Loungemöbel aus Europaletten… döse etwas… mehr und mehr Gruppen treffen ein… dösend nehme ich die Stimmen um mich herum wahr als wären sie weit entfernt. Irgendwann fragt mich eine Stimme von etwas näher «vous êtes Simon?» ich bejahe… es ist die Hüttenwartin die mir mitteilt, dass ich in der Hütte schlafen kann. Eine junge Frau zeigt mir den Raum… ich kann mir mein Bett sogar aussuchen, es sieht so aus, als wären daneben sogar noch einige Betten leer… so viel Platz für mich… und dann erklärt sie mir, dass ich an der Rezeption einen Jeton kaufen kann für die Dusche und wie das funktioniert… mit Tränen in den Augen frage ich; «ihr habt eine Dusche!?!?!?» Sie grinst breit… ich richte mich rasch ein, bezahle die Übernachtung an der Rezeption und nehme freudig meinen Jeton für die Dusche entgegen. Die Dusche tut unheimlich gut, die Moral verbessert sich etwas… bis auf die Tatsache, dass ich es irgendwie hinkriege, dass sich Wasser in meinem entzündeten Ohr sammelt und ich nun auf dem linken Ohr fast gar nichts mehr höre. Das Ohr ist nun eigentlich meine einzige, aber grosse Sorge. Ich setze mich wieder nach draussen, geniesse den Ausblick – ich sehe fast meine gesamte bisherige Route und mit starkem Zoom sogar die Cabane FXB Panossiere, in der ich vorletzte Nacht geschlafen hatte.

Ich unterhalte mich vor der Hütte mit verschiedenen Leuten. Netzverbindung ist Fehlanzeige, ebenso WiFi… doch ich bin hartnäckig und begebe mich etwas von der Hütte weg, in Richtung Tal… und finde einen Spot wo ich ein ganz schwaches Signal empfange. Ich schreibe Lily, dass ich bei der Hütte angekommen bin und nicht weiss, ob und wie ich weitermache… und dass sie nicht unbedingt antworten muss, da ich die Nachricht wohl eh nicht empfangen werde bei der Hütte. Später, wieder bei der Hütte, unterhalte ich mich mit einem Mann – er wirkt fix und fertig – aus einer amerikanischen  Wandergruppe mit französischem Guide. Er erzählt mir, dass sie mit der Bahn von Le Châble (wo ich gestartet bin) über den Col des Gentianes zur Hütte gekommen sind. Diese Information arbeitet in meinem Kopf während des Abendessens welches ich mit einem Paar aus Australien am Tisch geniesse. Sie machen die Haute Route von Chamonix nach Zermatt und sind extra dafür aus Australien in die Schweiz gereist. Noch am Tisch, gestärkt vom Essen, kommt mir DIE Idee… ich steige am nächsten Tag ins Tal hinunter, fahre mit dem Bus nach Le Châble – dem Ausgangspunkt meiner Tour – hole in der Apotheke Wasserstoffperoxid um mein Ohr zu reinigen und desinfizieren sowie Ibuprofen gegen die Entzündung. Weiter kann ich meine Vorräte aufstocken und optimieren… und fahre danach mit der Bahn hoch zum Col des Gentianes und muss von dort aus nur einen Pass überwinden um beim Lac du Petit Mont Fort zu landen, wo ich ursprünglich biwakieren wollte (Anstelle der Übernachtung in der Cabane Louvie)… ich könnte also quasi meine Route fast wie geplant fortsetzen. Freudig gehe ich… renne ich geradezu… nochmals zu dem Spot an dem ich etwas Netzverbindung habe und sende Lily eine Sprachnachricht und erzähle ihr von meinem Plan. Meine Stimmung ist wieder on top. Zurück in der Hütte bespreche ich meine Idee mit der Hüttenwartin, welche mir den Busfahrplan zeigt und mir eine VIP-Karte gibt mit der ich kostenlos ÖV und Bergbahnen nutzen kann. Ich lege mich früh schlafen… und freue mich auf den nächsten Tag. Alle Optionen stehen mir wieder offen und ich fühle mich auch so, als könnte ich nach etwas Schlaf wieder alles schaffen… sollte ich mich morgen also besser fühlen, kann ich meine Tour fortsetzen… also zum Col de Louvie aufsteigen… und sollte ich mich nicht besser fühlen, ins Tal, in der Apotheke besorgen was ich brauche, Vorräte auffüllen und optimieren, mit der Bahn wieder hoch… und meine Tour fortsetzen. Ich liege im Bett und grinse breit über mein ganzes Gesicht.

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