Alpenpässe-Wanderung, Tag 3
Donnerstag, 16.07.2026
Ich erwache wieder gegen 4 Uhr… gemäss meiner Uhr war die Schlafqualität grottenschlecht. War zu erwarten. Doch ich fühle mich gut. Liege noch lange wach im Bett und geniesse die Wohligkeit. Das Ohr schmerzt, aber ist nicht schlimmer geworden über Nacht, was mich positiv stimmt. Ich nehme dennoch eine Aspirin damit es weiterhin so bleibt, glücklicherweise habe ich genug eingepackt… und ich habe die Hoffnung, dass es wieder besser wird oder ganz vergeht. Gegen 6 Uhr stehe ich auf, ziehe mich an und gehe in den Frühstücksraum. Als ich einen Kaffee einschenke ist der Hüttenwart hinter der Theke und fragt mich ob es mir gut gehe… ich sage “plus ou moin”… also “mehr oder weniger”, er meint “Mais tu es en montagne, tout et bien”… also “du bist in den Bergen, da ist alles gut”. Ich erkläre ihm dass mein Gehörgang entzündet ist… “c’est la merde!” sage ich… und er fragt mit breitem Grinsen “tu veux de la drogue? j’ai tout!” Als durchaus leicht drogenaffiner Mensch muss ich grinsen, im vollen Bewusstsein, dass auf Französisch “Drogue” nicht dasselbe bedeutet wie “Droge” im deutschen Sprachgebrauch. Er gibt mir Ibuprofen was deutlich besser ist gegen Entzündung als Aspirin. Auf den Hütten haben Sie diverse Medikamente für allfällige Erstversorgung in Notfällen… Ich bedanke mich und nehme meinen Kaffee mit nach Draussen.

Beim Frühstück setzen sich wiederum Anna und Tim, das deutsche Pärchen, zu mir an den Tisch. Als Anna erzählt, dass es in der Nacht gewaltig gedonnert hat, wird mir klar, dass ich wohl sehr tief geschlafen haben muss. Nach dem reichhaltigen Frühstück gehe ich mich gemächlich bereit machen für den weiteren Weg. Ich habe im Sinn heute über Mauvoisin bis zur Ecurie de Vasevay (eine Alpwirtschaft mit Stall) oder nochmals 100 Höhenmeter bis zur Ecurie du Crêt zu gehen. Dies wäre eigentlich die Idee für gestern gewesen; entweder bis Mauvoisin oder wenn möglich grad weiter bis zu einer der Ecuries. Also eigentlich das Tagesziel von gestern. Für heute passe ich meine Pläne etwas an… ich muss mich an ein langsameres Tempo gewöhnen… Wieso zu diesen Ecuries? Es sind für die Nacht wiederum Gewitter angesagt und ich möchte mich, wenn das Gewitter heftig genug ist – was es in den Bergen oft ist – im Stall oder sonst wo im Gebäude in Sicherheit bringen können.

Als ich losgehe fühle ich mich super, den ersten Aufstieg von etwas mehr als 200 Höhenmeter zum Col des Otanes bringe ich in weniger als 40 Minuten hinter mich, was mich erstaunt. Scheint ein guter Tag zu werden und irgendwie finde ich den Flow… denke ich. Auf dem Pass gönne ich mir eine kurze Pause… geniesse die ersten Sonnenstrahlen, trage Sonnenschutz auf, snacke etwas und beobachte zusammen mit einer britischen Familie eine Gruppe Steinböcke.



Danach geht’s an den Abstieg nach Mauvoision, er zieht sich lange hin, ich bin aber weiterhin in gutem Tempo unterwegs… tanze regelrecht den Berg hinunter. Überhole viele Wanderer, die auch in der Cabane FXB Panossiere übernachtet haben. Die Gegend ist mal wieder umwerfend schön… immer wieder halte ich kurz inne um den Ausblick zu geniessen.


Unterwegs ergibt sich ein toller Ausblick zur Bergkette auf der gegenüberliegenden Seite des Tals, wo sich die beiden Ecuries (Ställe, resp. Alpwirtschaften) befinden, die ich auf der Karte als mögliche Übernachtungsmöglichkeiten ausgemacht habe. Ich zoome mit der Handykamera nahe heran um herauszufinden ob sich Tiere dort befinden – es sieht nicht danach aus.


Weiterhin gut gelaunt und voller Energie steige ich weiter ab bis nach Mauvoision, wo sich ein Hotel befindet.


Um 11 Uhr bin ich dort und und freue mich auf etwas leckeres zu Essen…doch… selbstverständlich gibt es um diese Zeit noch nichts zu essen… und ich hatte mich doch schon so auf eine warme Mahlzeit gefreut. Eine Schorle gönne ich mir aber… Aufgrund der drohenden Gewitter will ich auch nicht zu lange warten um sicher vor dem Einsetzen des Regens an meinem Ziel anzukommen. Die Diskussionen von anderen Wanderern über die drohenden Gewitter beunruhigen mich zusätzlich etwas, wobei gemäss Meteoschweiz die ersten Regenfälle erst gegen 15 Uhr zu erwarten sind, was gut reichen müsste um eine der Ecuries zu erreichen.
Ich setze meinen Weg fort. Zuerst geht es nochmals 100 Höhenmeter runter, danach kurz flach durchs Tal bevor der Aufstieg wieder beginnt. Vorerst moderat, bis zu einem Bach an dem ich meinen Wasserfilter fülle. Da ich davon ausgehe, dass es an meinem Ziel Wasser gibt, nehme ich nur einen Liter, um nicht zu viel Gewicht auf dem steilen Anstieg schleppen zu müssen. Anfangs komme ich mit dem Aufstieg gut zurecht, doch nach den ersten 200 Höhenmetern wird es zäh… und es folgen noch weitere 200… mein Tempo wird langsamer. Immer wieder setze ich mich hin und verfluche meinen Rucksack… es ist heiss, die Mittagshitze drückt… gegen 14 Uhr erreiche ich die Ecurie de Vasevay. Ich habe das Gefühl, dass ich keinen weiteren Meter gehen könnte. Da die Alpwirtschaft wider erwartens bewirtschaftet wird – es hat Schafe, Herdenschutzhunde sowie zwei Hirtinnen – gehe ich zum Gebäude und frage, ob es in Ordnung ist wenn ich auf dem Gelände der Ecurie mein Zelt aufstelle. Mein Wunsch wird mir gewährt, mit dem Hinweis dass halt Schafe und Hunde da sind und sie gegen 16 Uhr mit den Schafen auf eine andere Weide ziehen. Kein Ding, Hauptsache ich kann irgendwo auf flachem Untergrund zelten. Glücklich und erschöpft lege ich meinen Rucksack hin und lehne mich gegen die Mauer des Stalls… erhole mich vom Aufstieg und geniesse das Gefühl, eine Tagesetappe ohne grössere Schwierigkeiten hinter mich gebracht zu haben…

Nachdem ich mich etwas erholt habe und etwas Wasser aus dem Brunnen gefiltert habe, stelle ich das Zelt in einer kleinen Senke auf und bin tatsächlich vor dem ersten Regen um 15 Uhr fertig. Es regnet nur kurz. Doch ich bin nicht zufrieden mit dem Platz, das Zelt ist etwas schräg und ich rutsche immer wieder gegen die untere Zeltwand… sobald es aufgehört hat zu regnen, suche ich mir einen anderen Platz – ebenfalls eine Senke, näher am Stall und näher am Hang… also gewittertechnisch noch sicherer. Als ich später, so gegen 16:30 Uhr, auf den Felsen vorne am Felsplateau sitze und die Aussicht geniesse, machen sich die Hirtinnen mit den Schafen auf den Weg. Einer der Herdenschutzhunde setzt sich direkt vor mich, wahrscheinlich um sicherzustellen, dass ich den Schafen nichts tue. Der Tross aus Hunden und Schafen setzt sich in Bewegung, ich bin fasziniert ab der Selbstorganisation, jeder Hund scheint seine Funktion zu kennen und die Schafe… sind halt Schafe und folgen brav dem Leithammel, ähnlich wie Menschen. Ich schaue dem Treiben lange zu bis ich sie aus den Augen verliere… höre zwar noch die Schafe blöken, doch sehe nichts mehr von ihnen. Ich bereite mir mein Abendessen zu, geniesse dazu die Knoblauchwurst und telefoniere später mit Lily und Timo. Ich klinge weiterhin nicht besonders optimistisch wie mir rückgemeldet wird. Es ist noch immer eher ein Kampf. Heute ist auch das Alleinsein schwerer als bisher… ich vermisse Lily und Timo… und die düstere Stimmung macht es nicht leichter.



Bevor ich mich schlafen lege, checke ich nochmals den Wetterradar. Es sind schwere Gewitter angesagt… die richtig üble Scheisse soll gegen Mitternacht anfangen, also stelle ich mir einen Wecker auf 23:30 Uhr. Meinen Schlafsack und die Isomatte breite ich im Zelt im Biwaksack aus, darin weiter meine Stirnlampe, Handy, Wasserflasche und weitere Kleinigkeiten, der Rest ist sauber im Rucksack verstaut… durch den Biwaksack bin ich einerseits vor allfälligem Regenwasser das durch den Zeltboden dringt, geschützt und zum anderen könnte ich – wenn das Gewitter zu heftig ist – in die Schuhe steigen, mit der einen Hand den Biwaksack und mit der anderen Hand den Rucksack packen und so in den Stall flüchten. Einschlafen ist schwer, ich bin zu unruhig… dennoch döse ich irgendwann kurz ein, nur um kurz danach wieder vom Wecker in die Realität zurückgeholt zu werden… es blitzt… und donnert… und regnet, immer stärker… Ich zähle die Sekunden zwischen Blitz und Donner… es ist noch nicht besonders nah… doch der Radar zeigt ein weniger beruhigendes Bild. Ich liege noch etwas in meinem Schlafsack… aber als ich nur noch drei Sekunden zwischen Blitz und Donner zähle und die Frequenz zunimmt, setze ich meinen Fluchtplan um und bin etwas stolz auf mich, dass ich das so eingerichtet habe. Kaum bin ich im Materialraum der Alpwirtschaft, mein Biwaksack auf dem Betonboden zwischen Salzsäcken und Konservendosen, setzt der Starkregen ein und Donner folgt unmittelbar auf den Blitz.

Ich setze mich auf den Schlafsack und nehme mein Handy hervor, meine Mutter hat geschrieben… ich antworte, dass ich nun im Stall bin und abwarte bis das Gewitter vorüber ist. Lily schreibt auch – es ist etwa 1 Uhr, normalerweise müsste sie im Tiefschlaf sein, aber sie hat gespürt dass etwas nicht in Ordnung ist, öffnete Whatsapp und sah, dass ich online war. Wir schreiben etwas hin und her, was mir sehr gut tut… noch bin ich der Meinung, dass ich später zurück in mein Zelt gehe… doch das Gewitter lässt immer nur kurz etwas nach um sogleich wieder heftiger zu werden… irgendwann gebe ich auf und beschliesse im Materialraum zu bleiben und lege mich in den Schlafsack. Der Radar zeigt unterdessen wieder Starkregen bis mindestens 5 Uhr…