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Alpenpässe-Wanderung, Tag 2

Mittwoch, 15.07.2026

Ich erwache gegen 4 Uhr… die Isomatte hat effektiv dicht gehalten…

…doch mein linkes Ohr ist ebenfalls dicht. Scheisse! Entzündung! Das Baden in der Aare am Montag war doch keine gute Idee so kurz nach der Erkältung. Die Ohren sind seit etwa drei Jahren eine Schwachstelle meines Körpers. Ich nehme eine Aspirin, um die Entzündung etwas zu bremsen und Nasenspray, um die Ohrtrompete zu öffnen… was die Belüftung verbessert und somit hilft, dass die Feuchtigkeit im Ohr besser trocknet, da Bakterien warme und feuchte Umgebung lieben. Der Kaffee ist ein Lichtblick und motiviert mich und hebt die Stimmung etwas…

Frühstücken tue ich nicht wirklich, da ich nach einer knappen Stunde Marsch die Cabane Brunet erreichen werde und dort zu frühstücken beabsichtige. Doch bereits der Weg dorthin ist wieder eine einzige Qual, besonders die Schultern schmerzen… ich passe mehrmals die Einstellung meines Rucksacks an, doch die Probleme verlagern sich jeweils nur. Ich hatte mir anhand der Karte vorgestellt, dass der Weg zur Cabane Brunet mehrheitlich flach verläuft… weit gefehlt, jede Menge kleiner Auf- und Abstiege verlangen viel Kraft. Allerdings auch hier wieder eine wunderschöne Umgebung, die für die Qualen entschädigt.

Bei der Cabane dann endlich Frühstück… naja, auch hier gibt es wieder nur Hüttenkuchen. Dazu eine warme Ovomaltine. Twix und Snickers für den Weiterweg.

Eine Weile geht es noch ohne grosse Höhenunterschiede weiter, der Anstieg ist sehr moderat und lässt mich einen gewissen Rhythmus annehmen. Abgesehen vom Ohr und der Sorge darüber, dass sich dieses weiter verschlimmert, ist meine Stimmung ganz ok. Bis… naja… irgendwann dickere Wolken aufziehen. Als ich endlich mal irgendwo Netz habe und den Wetterbericht konsultieren kann, zeigt sich, dass schon sehr bald Gewitter aufziehen.

Ich habe noch nicht einmal ein Viertel der heutigen Tagesetappe geschafft und es steht ein steiler Aufstieg – der erste richtige – bevor. Ich überlege wie weiter. Ich werde weder Mauvoisin noch eine der Ecuries (Ecurie de Vasevay oder Ecurie du Cret – beides Alpwirtschaften bei welchen ich evtl. biwakieren könnte und Schutz vor allfälligen Gewittern fände) schaffen. Unmöglich vor den Gewittern bei meinem aktuellen Tempo… selbst bei höherem Tempo nicht. Auf dem Weg liegt aber die Cabane FXB Panossiere die ich gegen Mittag erreichen könnte. Die Gewitter sind ab dem frühen Nachmittag prognostiziert. Ich gebe mir also einen Ruck und nehme den steilen Aufstieg in Angriff. Krieg! Ich kämpfe und muss immer wieder kleine Pausen einlegen. Verzweifle fast. Irgendwann gönne ich mir eine richtige Pause, setze mich hin und esse etwas. Bin unruhig wegen den Gewittern. Ein Paar geht an mir vorbei, in deutlich höherem Tempo als ich unterwegs bin… das beunruhigt mich zusätzlich. Habe noch 400 Höhenmeter vor mir… also beende ich meine Pause und setze den Aufstieg fort. Gehe jeweils einige Höhenmeter und mache eine kurze Verschnaufpause. Sobald der Anstieg weniger steil wird, schaffe ich ein höheres Tempo. Irgendwann komme ich zu einer Hängebrücke und dort ist eine ganze Familie… die scheinen sich nicht gross ums Wetter zu kümmern. Ich mache Fotos von Ihnen und frage sie, wo sie hinwollen. Nach Fionnay – das ist ein Abstieg von 2 Stunden. Ich gebe zu bedenken, dass sie sich beeilen müssen, wenn sie vor dem Gewitter unten sein wollen. Ich gehe über die Hängebrücke die eine beeindruckende Schlucht überquert, die mal komplett vergletschert war.

…weiter geht’s in Richtung Hütte. Es gibt nochmals einen steilen Anstieg, auf diesem werde ich von einer älteren Frau überholt. Sie bemerkt, dass ich schwer an meinem Rucksack trage und wünscht einen guten Weiteraufstieg… und steigt mit Leichtigkeit weiter hoch… als endlich die Hütte in Sichtweite gerät, verbessert sich meine Stimmung, das Wetter hat bis hierher gehalten und wenn es jetzt zu regnen anfängt, ist es kein Problem mehr.

Um 13 Uhr bin ich bei der Hütte… die Frau die mich vorhin überholt hat, ist ebenfalls dort und gehört scheinbar zur Hüttencrew. Ich frage, ob sie einen Schlafplatz für mich haben, was sie lächelnd bestätigt. Die Hütte verfügt sogar über eine warme Dusche, was meine Freude über meine Ankunft hier noch verstärkt. Erleichtert hole ich mir eine Schorle und ein Stück Zitronenkuchen, setze mich nach draussen und geniesse beides mit Ausblick auf den beeindruckenden Grand Combin, während die Gewitterwolken dichter werden…

genau 30 Minuten nach meiner Ankunft setzt auch das Gewitter mit Starkregen ein. Es ist 13:30 Uhr… ich gehe duschen, lege mich ins Bett und döse bis zum Abendessen.

Das Abendessen geniesse ich an einem Tisch mit einem jüngeren deutschen Pärchen. Er ist in der Ausbildung zum Bergführer und hat gerade einen Ultramarathon hinter sich… darum gibt es am Folgetag nur eine kurze Tour auf den Grand Tavé… ich bin beeindruckt, gerade da ich aktuell immer noch diverse Zweifel an meinem Vorhaben… resp. an dessen Gelingen hege. Das Essen ist super und die Hüttencrew witzig. Nach dem Essen telefoniere ich noch mit Lily, geniesse das letzte Tageslicht und lege mich schlafen. Ob und wie ich am nächsten Tag weitermache, ist mir nicht klar… das Ohr macht mir grosse Sorgen. Ich nehme eine weitere Aspirin um die Entzündung zu hemmen. Wahrscheinlich schon die vierte an diesem Tag.

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