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Alpenpässe-Wanderung, Tag 1

Dienstag, 14.07.2026

Bereits die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist spannend… Im Zug von Bern nach Lausanne sitzen mir zwei junge asiatische «Männer» gegenüber. Teure Klamotten, Schmuck, Tasche mit Hund… naja, Meerschweinchen wäre treffender… Bizepsansätze, also scheinbar besuchen sie ein Gym, dennoch… von der Haltung her komplett degeneriert, ständig der Blick aufs Handy, dazu Ohrstöpsel… Dauerbeschallung und -Beschäftigung… unbedingt den Lärm im eigenen Kopf übertönen… ja, das ist ein Teil von mir selbst, den ich nur zu gut kenne. Wenn ich mit mir… mit meinem Lebenswandel nicht einverstanden bin, verhalte ich mich genauso. Der eine legt sein Handy zur Seite und schläft augenblicklich ein… hat sein Gehirn genug verbrutzelt, um nun schlafen zu können… wobei, die Ohrstöpsel sind noch immer drin, und sorgen wahrscheinlich weiterhin dafür, dass der Lärm in seinem Kopf übertönt wird.

Im Zug von Lausanne nach Martigny setze ich mich in ein freies Abteil, der ganze Wagen ist fast leer. Plötzlich steigt ein dicker Mann ein, führt Selbstgespräche… die üblichen Urteile fallen… gestört, fett, schwach, krank… er setzt sich ins Abteil neben mir. Ich hoffe er bleibt bei seinen Selbstgesprächen. Weit gefehlt, es dauert nicht lang, bis er mich auf meinen grossen Rucksack anspricht. Auf Französisch natürlich. Wir verfallen in ein sehr angeregtes Gespräch, er erzählt mir viel über Pflanzen… darüber welche Beeren essbar sind und wo man sie findet… über Vögel und was deren Verhalten einem über das Wetter sagt… Mein Französisch ist etwas eingerostet und so ergeben sich doch einige kuriose Sätze meinerseits über die wir uns beide köstlich amüsieren. Einige meiner Tour- und Bergerfahrungen notiert er sich in sein Notizbuch. Ich schäme mich etwas dafür, wie ich ihn zuerst direkt verurteilt hatte.

Später sitze ich in Martigny am Bahnhof auf einer Bank, warte auf meinen Anschlusszug nach Le Châble und esse mein Sandwich… ein englischsprechender junger Mann, dicke Muskeln, eindeutig Bodybuilder, aber in Wandersachen und Bergschuhen, setzt sich neben mich und spricht mich an… «you look like you’re coming from the mountains»… ich verweise auf meine noch gutsitzende Frisur und dass diese darauf hindeutet, dass ich mich erst auf dem Weg in die Berge befinde. Er selber reist seit mehreren Wochen quer durch Europa, ohne festen Plan und ohne klares Ziel. Er hat nun einige Tage in den Bergen verbracht und reist nun nach Südfrankreich ans Meer. Wir unterhalten uns gute 20 Minuten lang, bis ich in den Zug steigen muss. Eine sehr inspirierende Begegnung, er tut genau das, wovon ich auch träume, einfach mal drauf los, ohne Plan und Ziel, sich dorthin treiben lassen, wo es einen hinzieht. Mir war noch nicht klar, dass es genau das sein wird, was meine Reise mich unter anderem lehren sollte.

In Le Châble, an der Talstation der Bergbahn dann meine erste Geduldsprobe, eine Frau mit zwei Kindern macht am Ticketschalter ein Riesentheater wegen keine Ahnung was… es dauert gefühlt ewig und mein 20kg Rucksack killt mich bereits jetzt. Irgendwann habe ich dann mein Ticket gelöst, besteige die Gondel und danach den Sessellift nach Le Pasay… Wende noch den Sonnenschutz-Spray an, den mir mein Sohn geschenkt hat. Denke an ihn, vermisse ihn… auch wenn ich diese Reise bewusst alleine mache, würde ich sie gerne mit ihm machen. Oben angekommen, mache ich mich abmarschbereit und gehe los…

…bereits nach den ersten Paar Hundert Metern schmerzen die Schultern vom schweren Rucksack… die ersten Höhenmeter zeigen mir, dass ich die Auswirkungen der Last unterschätzt habe. Ich kämpfe mit meiner Stimmung. Die wunderschöne Umgebung hält die Moral halbwegs aufrecht. Ich muss mich an ein komplett anderes, tieferes Tempo gewöhnen. Irgendwann, beim Aufstieg in Richtung Mont Brûlé, bin ich kurz davor alles hinzuschmeissen… natürlich nicht wirklich, aber ich zweifle an meinem Plan…nach etwa anderthalb Stunden… eine Raupe kreuzt meinen Weg… und ich denke an Zippel… an das Sinnbild der Raupe, die genau in dem Moment, in dem sie das Gefühl hat alles sei vorbei, zum Schmetterling wird. Ich packe meine Stöcke und gehe weiter… und auf einmal begegnen mir nur noch Schmetterlinge.

Bei der Cabane du Col de Mille nochmals eine kleine Herausforderung… es gibt weder Käseschnitte noch sonst etwas richtiges zu essen… nur Hüttenkuchen und Schorle… das hatte ich anders vorgesehen. Während ich meinen Kuchen esse, turnen zwei Kinder herum und plötzlich erwischt mich ein Schwall Wasser aus dem Brunnen. Ich habe mich selbst noch nie so wunderschön auf Französisch fluchen hören. Die Jungs verschwinden ziemlich verängstigt… Wieder darf ich etwas in mich gehen und mir klar werden, was mich da genau geritten hat… es waren nur zwei Kinder, die Spass hatten und sich nicht überlegten, ob sie jemanden damit stören könnten… etwas das mir ziemlich früh aberzogen wurde… noch heute habe ich oft das Gefühl, andere mit meiner reinen Anwesenheit zu stören.

Irgendwann erreiche ich meinen beabsichtigten Biwakplatz an einem kleinen See, doch da campiert bereits eine Gruppe. Ich mache kurz Pause und überlege, ob ich dennoch hier bleiben will, der Platz wäre zu gut… und doch… ich wäre lieber allein.

Ich ziehe also nach der Pause weiter, obwohl ich schon mit jedem Höhenmeter kämpfen muss… wieder Zweifel… doch schon bald erreiche ich meinen alternativen Biwakplatz. Unweit davon wieder andere Leute die ebenfalls dort biwakieren. Ok, egal, ich bleibe. Ich bin zu kaputt um weiterzusuchen… Der Platz ist eigentlich super, es hat einen leeren Stall, in dem ich mich vor allfälligen Gewittern in Sicherheit bringen könnte.

Zuerst lege mich hinter dem Stall in den Schatten um mich etwas zu erholen. Die Ameisen die über meine Beine krabbeln sind mir völlig egal. Der Puls kommt kaum runter und es ist der einzige Platz der Schatten bietet. Nachdem ich einigermassen erholt bin, suche ich mir einen guten Platz zum Übernachten, etwas abseits vom Weg und dennoch in der Nähe des Stalles. Die Wetterprognose sieht ganz gut aus und es ist nur eine leichte Gewitterneigung gemeldet, also entscheide ich mich für Cowboy-Camping im Biwaksack unter freiem Himmel. Richte mich ein, bereite meine Trekking-Mahlzeit zu die nicht wirklich schmeckt… und stelle fest, dass mein Isomatte Luft verliert. Wieder ein Dämpfer. Als ich mit Lily und Timo telefoniere, klinge ich wohl ziemlich demoralisiert und sie zweifeln ebenfalls daran, ob ich meine Tour wirklich durchziehen werde. Sie sind nicht die einzigen, die daran zweifeln. Später stelle ich fest, dass ich nur das Ventil der Luftmatratze nicht korrekt geschlossen hatte… also alles ok damit. Wirklich gut schlafen… oder überhaupt schlafen kann ich dennoch kaum… die Moskitos machen es auch nicht besser. Immerhin hat der Biwaksack ein Moskitonetz. Ich überlege mir, basierend auf der Erfahrung des ersten Tages, die nächste Etappe abzukürzen… also anstatt bis zur Ecurie de Vasevay oder Ecurie du Crêt, lediglich bis Mauvoisin zu gehen und dort eine Nacht im Hotel zu übernachten… mir wird klar, dass ich den Einstieg langsamer gestalten muss. Dass es nochmals komplett anders kommen wird, sollte mir erst am nächsten Tag klar werden.

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